Seelensuche

Eins 


Sie hatten seine Hände gefesselt und seine Arme waren schmerzhaft nach oben gereckt. Seine Füße erreichten den Boden kaum. Irgendwo über ihm musste sich ein Haken befinden, an dem er hing. Sie hatten ihn überrascht. Es waren zu viele. Er hatte keine Chance. Sie hatten ihn nach allen Regeln der Kunst fertiggemacht. Bilanz seiner Verletzungen: eine zertrümmerte Kniescheibe, drei gebrochene Rippen, dazu Schnittverletzungen diversester Art und unzählige Prellungen und Schürfwunden. Fühlte er irgendwelche Schmerzen? Nein. Er hatte nur Angst um sie. Sie hatte man an einen Pfahl ihm gegenüber gebunden. Er musste zusehen, wie man sie quälte und schändete. Es zerriss ihm das Herz. Sie schaute ihm flehend in die Augen. Er hielt ihrem Blick stand. Ihr Leben konnte er nicht retten, er war nur in der Lage ihre Pein zu beenden.

„Ich werde dich erlösen, meine Blume. Hab‘ keine Angst. Ich verspreche deine Seele wiederzufinden, Freyja.“
Tränen rannen über sein Gesicht.
Dann schaute er ihr tief in die Augen und sein Geist übernahm die Kontrolle über ihren Körper und zwang ihr Herz, stillzustehen. Ihr Herzschlag verlangsamte sich. Dann versiegte der letzte Schlag. Alles beruhigte sich. Da war kein Gedanke, kein Schmerz, keine Angst. Nur Frieden, Liebe und unermessliche Sehnsucht und Schmerz.
Er hatte sie getötet. Seine Frau. Seine Liebe.




Jonathan erwachte schweißgebadet und zitternd. Dieser Albtraum verfolgte ihn. Quälte ihn. Immer und immer wieder. Hatte er geschrien? Geweint? Er wusste es nicht. Er beschloss aufzustehen, an Schlaf war aufgrund des Chaos‘ in seinem Kopf und in seinem Herzen sowieso nicht mehr zu denken. Der Tag versprach, beschissen zu werden.

Im Bad besah er sein Spiegelbild.
„Deine Knochen tun dir weh und du siehst ganz schön alt aus“, sagte er laut zu seinem gespiegelten Gegenüber. Seine leuchtend grünen Augen blitzten dabei schelmisch und seine Lachfalten um Augen und Mund vertieften sich und straften damit seine Aussage lügen.
Sein Spiegelbild zeigte einen über eins-neunzig großen, muskulösen Mann. Er fuhr sich durch die Haare. Jede Art von Haarstyling war ohnehin sinnlos bei seinem mittlerweile mit einigen wenigen Silberfäden durchsetztem dunklen, leicht zu langem welligen Haar.
Der Dreitage-Bart könnte mal wieder eine Rasur vertragen.
Er fuhr mit der Hand über seinen rechten Unterarm und damit über den Anfang seines Tattoos. Eine Schlange. Ihr Kopf ruhte auf seinem rechten Unterarm. Ihr Körper schlängelte sich in Windungen seinen muskulösen Oberarm hinauf. Überquerte seine straffe Brust, verschwand auf Höhe seines Herzens über seinen Rücken. An seiner rechten Seite, zwischen Rippenbogen und Hüftknochen tauchten ihre Windungen wieder auf, um sich über sein Sixpack lasziv in Richtung linker Lende und das linke Bein hinabzuschlängeln, und dort in Höhe der Wade zu enden. Ihr Körper schien aus ineinander gewobenen und geflochtenen Linien und Kreisen zu bestehen. Dazwischen Zeichen, die wie eine vergessene Schrift wirkten. Ein Kunstwerk. Die Damenwelt schmolz dahin, wenn sie das Glück hatte, Jonathan einmal mit nacktem Oberkörper zu sehen.

Jonathan war Arzt. Hirnchirurg. Er galt als einer der weltweit Besten. Sein täglich Brot war die Operation von Menschen, für die er und sein Team am Massachusetts General Hospital in Boston die letzte Hoffnung waren.
Er wohnte außerhalb. Irgendwo im Nirgendwo in einem Waldstück am See. Sein Haus war modern. Viel Glas und Holz auf zwei versetzten Ebenen an das Seeufer gebaut. Ein Steg verband die Terrasse mit der in den See hinausgebauten Hubschrauberlandeplattform. Hubschraubertransfer war in Notfällen sinnvoll, ansonsten der pure Luxus, den Jonathan sehr zu schätzen wusste.
Jonathan sah gut aus und es war ihm durchaus bewusst, dass es so war. Sowohl Frauen als auch Männer drehten sich nach ihm um. Für seinen kleinen Freundes- und Kollegenkreis war er der liebevollste und hilfsbereiteste Mensch, den es auf diesem Planeten gab. Diese Menschen waren ihm heilig. Für diese Menschen würde er bedingungslos alles tun. Menschen außerhalb dieses Kreises mochten von ihm denken, was sie wollten, gern auch, dass er ein reiches, egozentrisches Arschloch sei. Sie wussten ohnehin nichts.
Gar nichts!





Zwei

Es war sieben Uhr in der Früh. Nachdem er, durch eine kalte Dusche, erfolgreich seinen Albtraum verscheucht hatte, machte er sich einen Kaffee und stand damit jetzt barfuß und in Jogginghose und T-Shirt bekleidet auf seiner Holzterrasse und schaute auf das stille Wasser des Sees vor ihm. Es war noch dunkel. Kein Stern war zu sehen. Ein leichter Wind kam auf und es fielen erste winzige Schneeflocken. Sein Gefühl sagte ihm, dass sich dieser leichte Schneefall im Laufe des Tages zu einem handfesten Schneesturm ausweiten würde. Die Luft roch danach. Der Wetterdienst hatte allerdings nichts dergleichen vorhergesagt.
Doch seine Sinne täuschten ihn selten.
Er hatte frei und freute sich auf zwei ruhige Tage. Nur er, mit sich, dem Kaminfeuer und einem guten Rotwein. Seine Füße erinnerten ihn daran, dass es Winter war.
„Du verweichlichst, Jonathan,“ schmunzelte er über sich selbst und ging wieder hinein.



Es klingelte an der Tür. Ungewöhnlich. So früh! Aber wie war das noch mit dem beschissenen Tag? Irgendwas musste ja kommen.
„Guten Morgen, Dr. Thomas.“ Vor ihm stand eine circa fünfunddreißigjährige Frau. Mittelbraune schulterlange Haare. Große eisblaue Augen. Rundes Gesicht. Sie reichte ihm bis zur Schulter und ihr Körper hatte Rundungen genau da, wo sie, gemäß Jonathans Geschmack, hingehörten.
„Ja, das bin ich“, gab er mit einem freundlich interessierten Lächeln zurück. Seine Augen strahlten.
„Mein Name ist Susan Collins. Ich arbeite für die Finanzbehörde des Staates Massachusetts. Ich bin hier, um ihre Geschäftsunterlagen zu prüfen.“ Ihr Auftreten war professionell unterkühlt.
Sie hielt ihm ein Schreiben unter die Nase, welches den Sachverhalt und die Erlaubnis der unangemeldeten Unterlagenprüfung rechtlich begründete. Sie lächelte nicht.
„Bitte treten Sie ein. Hier geht es entlang“, sagte Jonathan freundlich.
Jonathan ging voraus und führte sie durch einen verglasten Gang an der linken Front des Hauses vorbei und öffnete dann eine Tür. „Bitte, mein Büro. Fühlen Sie sich ganz wie zu Hause.“ Mit einer Geste forderte er sie auf einzutreten.
„Sicherlich werde ich mich nicht wie zu Hause fühlen. Die Zugangsdaten für ihren Computer – bitte.“ Ihre Stimme klang, als hätte sie das Wort ‚Bitte‘ gern weggelassen.
Er notierte das Passwort auf einem Zettel und überreichte ihn ihr mit einem schelmischen Blitzen in den Augen. Dieses unhöfliche, professionell unterkühlte, aber gleichzeitig sehr hübsche Wesen hatte seinen Jagdtrieb geweckt. Jonathan liebte Frauen und verführte sie gern. Ms. Collins gefiel ihm.
„Gibt es noch irgendetwas Dr. Thomas?“, fragte sie genervt, seinen auf ihr ruhendend abschätzenden Blick bemerkend.
„Ja, wie lange gedenken Sie zu bleiben?“, erkundigte er sich charmant.
„So lange, wie ich es für nötig halte“, gab sie kurzangebunden zurück.
„Es wird einen Schneesturm geben, dann wird die Zufahrt unpassierbar und sie kommen hier nicht mehr weg.“ Und dann gehörst du mir, dachte er bei sich und hatte Mühe, seine Vorfreude nicht zu zeigen.
„Der Wetterdienst sagt etwas anderes. Bitte lassen Sie mich jetzt arbeiten.“ Sie drehte sich um und packte geschäftig ihre Unterlagen aus.
„Selbstverständlich. Aber, sagen Sie später nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt.“ Er lächelte in sich hinein und seine Augen funkelten. Das würde amüsant werden. Er war sich sehr sicher bezüglich des aufziehenden Sturms und der Verführer in ihm war sich zudem sicher, dass es ihm gelingen würde, Ms. Collins zu erobern.
Ein schöner Gedanke.
„Wenn Sie mich brauchen, ich bin nebenan“, sagte er charmant und deutete auf eine Tür, die vom Büro direkt in seine Küche führte.
„Machen Sie sich keine Hoffnungen, ich werde Sie nicht brauchen“, gab sie weiterhin unterkühlt höflich zurück.
Achselzuckend verschwand er in Richtung Küche und schloss die Tür hinter sich.

Er beschloss zu frühstücken. Mit der Müslischale in der Hand besah er sich die jetzt dichter fallenden Flocken und die sich im Wind wiegenden Bäume. Sein Telefon klingelte.
„Hey Ron, schön, dass du anrufst. Wie geht es dir im fernen alten London?“
„Hey Jonathan. Gut geht es, danke der Nachfrage. Aber bei dir ist doch wieder irgendetwas im Busch, oder?“, fragte Ron gutgelaunt.
„Wie kommst du darauf?“, witzelte Jonathan.
„Du hast doch bestimmt gerade Besuch von der Steuerfahndung, oder irre ich mich?“
„Kannst du hellsehen? Nein, du irrst nicht. Eine sehr hübsche, aber etwas unterkühlte Ms. Susan Collins hat sich eben in meinem Arbeitszimmer verschanzt.“
„Und wann hättest du mich angerufen?“, fragte Ron jetzt herausfordernd.
„Wenn die Lage aussichtslos geworden wäre. Ansonsten hast du doch keinen Spaß daran.“ Ron Fraser war Jonathans bester und ältester Freund und außerdem sein Anwalt.
„Wir haben alle deine Unterlagen schon vor Wochen an die Behörde weitergegeben. Es gibt keine Ungereimtheiten. Wahrscheinlich hat ihr Chef ihr gesagt, sie solle bei dir persönlich eine Prüfung durchziehen, anders kann ich mir das nicht erklären, aber wenn sie hübsch ist, dann ist der Tag ja vielleicht nicht verschwendet“, erwiderte Ron süffisant. Er kannte Jonathan, seine Verführungskünste und seine unwiderstehliche Wirkung auf Frauen, nur allzu gut.
„Jedenfalls würde das ihre miese Laune erklären. Ich versuche es mal mit einem Kaffee zur Bestechung.“
„Mach das und meld‘ dich falls doch noch irgendetwas vorfällt.“
„Mach ich“, versprach Jonathan und legte auf.



Ron beendete das Gespräch. Er hatte Susan Collins während des Gesprächs gegoogelt und Bilder von ihr im Internet gefunden. Ja, sie war genau Jonathans Typ. Kein null-acht-fünfzehn Modell-Typ einer Frau. Er konnte sich lebhaft vorstellen, wie der Tag für die Dame enden würde. Dazu kannte er seinen Freund einfach viel zu gut. Er würde sie nach allen Regeln der Kunst verführen und sicherlich eine vergnügliche Nacht haben.
Was ihm aber mehr Kopfzerbrechen bereitete, war die Frage, warum das Alles? Jonathans Unterlagen waren einwandfrei. Das wusste er mit Sicherheit. Jonathan hatte kein Interesse daran mit Tricks, Steuern zu sparen. Sein Vermögen war ohnehin so immens, dass er es nie im Leben würde ausgeben können. Darunter Immobilien in besten Lagen sowie Schmuck und andere Wertgegenstände. Jonathan sagte dazu immer: „Wer sein Leben lang sparsam ist, wird irgendwann zwangsläufig reich.“ Ja, so war das wohl. Trotzdem fand er diese ganze Steuerprüfungsaktion seltsam. Er würde sich Anfang der Woche mit dem Problem beschäftigen und sowohl Ms. Collins als auch ihren Vorgesetzten einmal genauer unter die Lupe nehmen. Sein Instinkt sagte ihm, dass da etwas nicht in Ordnung war.



Jonathan stand mit dem Telefon in der Hand vorm Fenster. Draußen wurden Wind und Schneefall stärker. Die Hubschrauberplattform war schon kaum mehr zu erkennen.
„Aussichtslos“, sagte er zu sich selbst, legte das Telefon beiseite und ging ins Gästezimmer. Bezog das Bett und verteilte Handtücher im Gästebad. Als krönenden Abschluss legte er einen Kuschelpulli und dicke Socken aufs Bett. Ms. Collins würde sicherlich nicht den ganzen Abend in ihrem Kostümchen auf dem Sofa verbringen wollen. Bei dem Gedanken schmunzelte er in sich hinein. Dann bewaffnete er sich mit zwei Kaffee und ging ins Büro.

„Dürfen Sie eine Tasse Kaffee von mir annehmen, oder gilt das schon als Bestechung?“, fragte er vom Türrahmen aus, mit seinem charmantesten Grinsen. Sie war wirklich sehr hübsch. Und diese großen eisblauen Augen, die ihn jetzt direkt ansahen.
Wunderschön!
„Kaffee ist in Ordnung“, bekam er zur Antwort, also stellte er ihr eine Tasse hin. Er hatte Milch und Zucker hineingegeben und beobachtete gespannt ihre Reaktion.

Sie schlürfte selig ihren Kaffee. Für einen Moment vergaß sie, wo sie war. Der Kaffee war einfach perfekt. Nicht zu stark, mit gerade der richtigen Menge Milch und Zucker drin. Erst dann fiel ihr auf, dass sie nichts über Milch und Zucker gesagt hatte. Sie schaute verstohlen zu ihm. Er lehnte in der Tür und betrachtete seinen Kaffee. Man hatte sie gewarnt. Dr. Thomas sei nicht zu durchschauen. Egozentrisch, arrogant, von einer geheimnisvollen Aura umgeben. Vor seinem unglaublich guten Aussehen hatte sie keiner gewarnt. Wenn sein Tattoo nicht wäre, dann hätte er ohne weiteres eines dieser Topmodells sein können, die ständig halbnackt und in Begleitung der schönsten Frauen für irgendwelche sündhaft teuren Parfums oder Ähnlichem in Hochglanzmagazinen posierten. Susan seufzte innerlich und ermahnte sich mit ihren Träumereien aufzuhören.
„Danke für den Kaffee. Woher wussten Sie das ich Milch und Zucker nehme?“, wollte sie jetzt mit leicht geröteten Wangen wissen.
Er schaute sie über den Rand seiner Tasse hinweg an. Ein belustigtes Blitzen in seinen Augen.
„Instinkt“, erwiderte er lächelnd. „Haben Sie schon gefunden, wonach Sie suchen?“
„Nein. Und wenn, dann würde ich es Ihnen sicherlich nicht sagen“, gab sie zurück, dabei mischte sich ein Hauch eines Lächelns unter ihren professionell kühlen Gesichtsausdruck, ohne dass sie es verhindern konnte.
„Damit hatte sie natürlich recht,“ stimmte Jonathan ihr gedanklich zu. Ihm war der leichte Anflug ihres Lächelns nicht entgangen.
„Dann weiterhin viel Erfolg bei der Suche,“ entgegnete er. „Ich habe das Gästezimmer schon für Sie vorbereitet.“ Er beobachtete sie genau bei diesen Worten und versuchte nicht einmal ansatzweise, sein breites, schelmisches Grinsen zu verbergen.
Ihre Reaktion war unbezahlbar. Sie errötete und riss ihre schönen blauen Augen weit auf. Denn kaum das er den Satz vollendet hatte, kam die offizielle Wetterwarnung über das Mobilfunknetz. Ein schwerer Schneesturm wurde angekündigt und man riet dringend davon ab, das Haus zu verlassen. Nötigenfalls solle man bleiben, wo man war. Von Autofahrten wurde dringend abgeraten, besonders in den Außenbezirken Bostons.
Frustriert und wütend fegte Susan mit Schwung ihre Aktenmappe und ihr Telefon vom Schreibtisch. Tränen stiegen in ihre Augen. Sie hörte die Worte ihres Chefs. „Ms. Collins, Sie müssen Dr. Thomas mal so richtig auf den Zahn fühlen. Fahren Sie zu ihm. Prüfen Sie seine Unterlagen vor Ort.“ Sie hatte ihrem Chef gesagt, dass alle Unterlagen schon vorlagen. Das alles mehrfach von unabhängigen Prüfern gecheckt worden war. Nein. Er bestand darauf sie hierher zu schicken. „Das wird ein guter Praxistest für Sie.“ Danke dafür! Und jetzt saß sie hier, ausgerechnet bei ihrer ersten Außenprüfung, mit diesem zwar unglaublich gutaussehenden, aber trotzdem leicht unheimlich wirkenden Dr. Thomas, fest. Schon wie er sie die ganze Zeit beobachtete, ließen ihre Knie weich werden und verursachte ein Kribbeln in ihrem Nacken.

Jonathan hatte ihren plötzlichen verzweifelten Wutausbruch vom Türrahmen aus beobachtet. Kam jetzt näher. Hob ruhig die Aktenmappe, die herausgefallenen Blätter und das Telefon auf. Legte alles ordentlich zurück neben ihren Laptop. Setzte sich ihr gegenüber auf einen Stuhl und wartete, bis sie sich wieder unter Kontrolle hatte. Sie tat ihm leid. Sie sollte sich wegen der Situation nicht schlecht fühlen. Weder sie noch er konnten das Wetter beeinflussen, auch wenn er insgeheim dankbar für den Schneesturm war.
„Sie finden das jetzt sicherlich urkomisch, oder?“, giftete sie in seine Richtung. Ihre Blicke hatten etwas Tödliches.
Wow! Ms. Collins war stink wütend.
Er hob entschuldigend die Hände. „Nein, das tue ich nicht“, sagte er jetzt vollkommen ernst und sanft und schaute sie ruhig an. „Stellen Sie mir alle Fragen, die Sie stellen möchten, oder die, die Ihnen aufgetragen wurden zu stellen. Ich werde sie beantworten. Tun Sie mir nur den Gefallen und akzeptieren hierzubleiben. Zumindest heute Nacht. Der Sturm wird sich morgen abgeschwächt haben. Ich bringe Sie dann bis zur Hauptstraße und sorge dafür, dass Sie auf dem Weg dorthin nicht im Straßengraben landen. Ich fände es unschön, ihren hübschen Körper als Notfall auf meinem OP-Tisch liegen zu haben.“

Susan schaute ihn an. Er hatte das alles ruhig und freundlich gesagt. Seine Augen leuchteten. Die Zufahrt zu seinem Haus hin war unbefestigt und stellenweise steil. Sie hatte bei der Hinfahrt schon in der einen oder anderen Kurve Angst bekommen. Bei diesem Wetter würde die Straße wirklich unpassierbar sein. Das sah sie ein. Aber mit einem fremden Mann allein in einem Haus. Ihre Mom hatte sie immer vor sowas gewarnt. Und warum zum Teufel lächelte er jetzt schon wieder so geheimnisvoll in sich hinein.
„Was finden Sie komisch?“, sie wollte die Frage spitz klingen lassen, tatsächlich hörte sie sich verunsichert an.
„Mütter warnen ihre Töchter immer vor solchen Situationen, nicht wahr?“, erwiderte er grinsend.
„Ja“, gab sie trocken zurück. „Und, ist bei Ihnen ein Wort der Warnung angebracht?“, drehte Susan den Spieß jetzt mutig um.
Jonathan warf lachend seinen Kopf in den Nacken. „Ich denke schon“, gab er mit entwaffnender Offenheit zurück und schaute Susan dabei direkt in die Augen. Seine Augen leuchteten womöglich noch intensiver. Susan erkannte aber noch etwas anderes in seinen Augen, etwas das sie selten in Zusammenhang mit ihrer eigenen Person gesehen hatte. Verlangen.
„Hier passiert nichts, was sie nicht möchten, das verspreche ich. Ihre Grenzen werden akzeptiert. Sie brauchen ein Nein nicht einmal auszusprechen. Ich werde es spüren.“ Seine Augen blitzten herausfordernd, und ein ungemein charmantes Lächeln umspielte jetzt seinen Mund.
„Flirten Sie gerade mit mir?“, fragte Susan jetzt unumwunden und fragte sich im gleichen Moment, wo sie den Mut für die Frage hergenommen hatte.
„Ja!“, gab er genauso unumwunden zurück. Das Grün seiner Augen strahlte hell.
Sie wurde knallrot und ihr wurde ziemlich warm. Sowas war ihr noch nie passiert. Zeit, das Thema zu wechseln. Sie räusperte sich.
„Sie operieren nur sehr schwere, fast aussichtslose Fälle, warum?“
Jonathan amüsierte sich ob des deutlichen Themawechsels. „Weil ich und mein Team deren einzige Chance sind. Für die leichteren Fälle gibt es genügend andere sehr gute Ärzte auf der Welt. Aber natürlich mache ich das auch des Geldes wegen“, setzte er provokant nach und schaute Susan weiter mit diesem herausfordernden, verführerischen Lächeln an.
„Betrügen Sie bei den Abrechnungen?“
Jetzt lachte er schallend, aufgrund der Offenheit ihrer Frage. „Nein, das tue ich nicht. Das habe ich nicht nötig. Ich zahle brav meine Steuern. Und die Hubschraubereinsätze zahle ich meist aus eigener Tasche. Aber das hast du ja alles sicherlich schon herausgefunden.“
„Sind wir jetzt schon per du?“, fragte sie.
„Ich finde das einfacher, du nicht? Ein Du ist übrigens kein Grund rot anzulaufen, obwohl dir diese Verlegenheit unheimlich gutsteht.“ Er zeigte erneut sein unverschämtes Grinsen und ließ sie nicht aus den Augen.
„Ich geb‘ auf.“ Sie machte eine ergebene Geste und stand auf und ging auf das Bücherregal zu. Sie musste seinen Blicken entfliehen. Wie war es möglich, so viel Ausdruck in nur einen Blick zu legen und damit Gefühle in ihr auszulösen, die ihr höchst peinlich waren? Merkte er eigentlich, was er da tat?
Ein altes Buch hatte ihr Interesse geweckt. Sie zog es heraus und schlug es auf. Es war wunderschön. Die Seiten waren mit einer ordentlichen Handschrift bedeckt und es war reich verziert.
„Frühes dreizehntes Jahrhundert. Eine Sammlung des medizinischen Wissens der Zeit. Zusammengetragen, geschrieben und ausgeschmückt von einem Mönch namens Jona, der in einer Abtei in Frankreich gelebt haben soll“, kam Jonathans Stimme erklärend aus dem Hintergrund.
„Das muss sehr wertvoll sein?“
„Kann sein,“ gab er zurück.
„Darf ich es mir ansehen?“
„Nur zu“. Damit ließ er sie allein zurück und verschwand in die Küche.

Das Buch. Er hätte es wegräumen sollen. Aber er konnte ja nicht wissen, dass die Steuerfahndung in Form eines so hübschen Wesens bei ihm auftauchen würde, und dass sie ausgerechnet dieses Buch aus dem Regal nehmen würde. Es gab nur eine Seite in dem Buch, die ihr einen Hinweis geben könnte. Die Texte würde sie sicher nicht verstehen können, außer sie hätte Latein studiert. Und selbst dann.......

Jona war auf dem Scheiterhaufen gelandet. Sein Buch war der Kirche unheimlich. Es enthielt medizinisches Wissen. Zusammengetragen aus vielen unterschiedlichen Quellen. Jona schwieg beharrlich über die Quellen, was dem Abt grundsätzlich missfiel. Jonas größter Fehler war aber, dass er auch der Frau und deren Körper einen großen Abschnitt in dem Buch widmete und die These vertrat, dass Frauen keine unreinen und sündigen Wesen seien.
Im dreizehnten Jahrhundert war das eine völlig unangebrachte These. Jona wusste das, aber er konnte nicht anders. Er musste seine Gedanken zu Papier bringen.
Das Verbrennen auf dem Scheiterhaufen war qualvoll. Jonathan überkam eine Gänsehaut bei der Erinnerung daran.

Als er nach zwei Stunden wieder ins Büro kam, betrachtete sie noch immer das Buch. Sie war auf einer Seite hängengeblieben mit der Abbildung eines Mannes, den eine Schlange umschlungen hatte.
War ja klar!
Sie legte den Kopf schief und schaute von dem Buch zu Jonathan.
„Zufall?“ Sie tippte mit dem Zeigefinger auf die Abbildung der Schlange und nickte in Richtung seines Unterarms.
„Vielleicht?“, gab er eine Nuance zu kühl zurück. Susan schiene es, als würden seine Augen dabei einen ticken dunkler und gefährlicher leuchten.
„Was ist das denn für eine Antwort?“, hakte sie mutig nach.
„Es ist die Antwort, die ich bereit bin, dir zu diesem Zeitpunkt zu geben“, gab er etwas versöhnlicher zurück. Seine Augen und seine finstere Miene zeigten dennoch überdeutlich, dass das Thema damit für ihn abgehandelt war.
Der Wechsel zwischen charmant lächelnd und todernster Verschlossenheit in seinem Mienenspiel und seiner Haltung waren beeindruckend und verunsichernd. Susan bekam ein wenig Angst. Jonathan entging das nicht, deshalb schob er schnell mit harmlos strahlenden Augen nach, „Hast du Hunger?“ Es war bereits Nachmittag und Susan hatte schon fast acht Stunden in seinem Büro verbracht.
„Ja“, gab sie, über sich selbst erstaunt, zurück.
„Dann trifft es sich ja, dass ich gekocht habe. Ich hoffe, Du magst kreolische Küche. Ich persönlich liebe die anregenden Gewürze.“ Er versuchte erst gar nicht, die Doppeldeutigkeit in seinen Worten zu verbergen.



Von der Küche aus sah man auf den See hinaus. Da das Haus am Hang lag, lag das Wohnzimmer leicht unterhalb der Küche. Draußen war von dem See oder überhaupt irgendeiner Landschaft, nichts mehr zu erkennen. Man schaute nur noch auf eine weiße Wand aus wirbelnden Schneeflocken. Im Wohnzimmer brannte ein Feuer im Kamin und verbreitete angenehme Wärme.
Jonathan betrachtete Susan verstohlen. Je länger er sie ansah, umso mehr gefiel sie ihm. Sie war verdammt hübsch. Ihr rundes Gesicht umrahmt von den sanften Wellen ihres Haars. Die kleine Geste, wenn sie eine widerspenstige Strähne hinter ihr Ohr schiebt. Ihr Lächeln und wie ihre Augen dabei strahlten. Ihre Neugierde und entwaffnende Offenheit. All das berührte ihn auf einer Ebene, die nur wenige Frauen bei ihm je erreichten. Sie war so anders als die Frauen, denen er in Bars und Clubs begegnete. Er würde behutsam vorgehen müssen, um sie zu erobern. Denn erobern wollte er sie, das stand fest.
„Wenn du dich zum Essen umziehen möchtest, im Gästezimmer sind ein paar gemütliche Sachen. Irgendetwas passt dir bestimmt.“ Er deutete auf die Tür gegenüber der Küche. „Das Bad liegt auch direkt da. Falls du duschen möchtest.“ Sie lief rot an und er spürte ihre aufsteigende Panik. Deshalb setzte er schnell nach, „Ich brauche immer eine Dusche nach einem Arbeitstag. Es hilft mir, mich zu entspannen. Es ist aber nur ein Angebot. Du darfst gern bleiben, wie du bist, wenn du dich damit besser fühlst.“ Er hatte die Hände gehoben und seine Augen sagten so etwas wie „bitte entspann dich – ich bin kein Vergewaltiger.“
Das würde ein hartes Stück Arbeit werden, sie ins Bett zu bekommen.
Zu seiner größten Freude verschwand Susan, nach kurzer Überlegung, tatsächlich ins Gästezimmer. Wenig später hörte er das Rauschen der Dusche.
Er lächelte und sein Herz machte einen Hüpfer. Warum konnte er nicht genau ergründen. Er hatte schon einige Frauen in seinem Leben erfolgreich in sein Bett gelotst. Herzklopfen vor einer solchen Aktion gehörte bei ihm nicht unbedingt zu seinen Standardgefühlsregungen.

Jonathan hatte aufgetischt. Es roch verführerisch nach Curry und allerhand anderen exotischen Gewürzen. Alles war appetitlich auf Tellern und in Schalen angerichtet. Und Susan merkte erst jetzt, wie hungrig sie eigentlich war.
Sie hatte den übergroßen Pullover angezogen und die dicken Socken dazu. Da Susan recht klein war, wirkte der Pulli bei ihr wie ein Kleid. Ihre Haare waren vom Duschen noch etwas nass und kräuselten sich.
Jonathan lehnte mit einem Glas Wein in der Hand an der Küchenzeile und betrachtete sie. Sie war nicht nur hübsch, sie war schön. Wunderschön. Er liebte Frauen. Er vergötterte sie. Er mochte es sie zu verführen und Sex zu haben. Aber das hier war anders. Natürlich wollte er sie verführen, ihr ihre kleinen Geheimnisse entlocken, keine Frage, anders als sonst, wünschte er sich dieses Mal aber, dass Susan bitte auch seine Geheimnisse aufdecken würde. Und sie sollte bitte auch nie mehr damit aufhören.
„Du alter Trottel,“ murmelte er zu sich selbst und ging mit einem Weinglas und der Flasche zu Susan. Dabei beschlich ihn das Gefühl, dass er sich schockverliebt haben könnte.
„Magst du?“, fragte er höflich.
„Sehr gern, danke. Ist es okay, dass ich diesen Pulli genommen habe.“
„Du siehst sehr süß darin aus“, entfuhr es ihm. Mist! Er hatte zu viel gesagt.
„Bitte hören Sie auf damit, Dr. Thomas. Ich möchte in dieser Situation eigentlich nicht sein. Sie können nichts für den Schneesturm da draußen, aber Sie sollten nicht mit mir flirten und so tun als hätten Sie ein echtes Interesse an mir. Ich weiß selbst wie ich aussehe und dass ich Ihnen nicht genügen kann.“ Sie war wieder in das Sie gewechselt. Sie brauchte Distanz. Er sah so gut aus. Diese Augen schauten so nett. Sie hätte gern mal mit so einem Mann eine Nacht verbraucht. Warum auch nicht. Sie war ja eine erwachsene moderne Frau. Da durfte man sowas. Aber er flirtete ja nur aus Spaß mit ihr, um sie zu verunsichern und sich dann lustig über sie zu machen. Dessen war sie sich sicher.
„Ich bitte um Entschuldigung Ms. Collins. Ich habe eine Grenze überschritten. Das wollte ich nicht. Trotzdem werde ich meine Aussage nicht zurückziehen, denn Sie sehen in meinen Augen wirklich ganz bezaubernd aus.“ Er ließ ihr Zeit, über seine Worte nachzudenken. Als Antwort war sie rot angelaufen.
Mit Komplimenten kannst du also nicht umgehen, Susan. Herrje!

Er schaufelte ihr eine Portion Curry auf den Teller.
„Dein Magen knurrt. Iss etwas.“
Sie glaubte erst, sie wäre nicht in der Lage einen einzigen Bissen herunterzubekommen. Totale Fehleinschätzung. Es schmeckte alles so wunderbar und der Wein passte perfekt zu den Gerichten. Dr. Thomas war ein wunderbarer Koch.
Auch Jonathan langte zu. Irgendwie war essen viel schöner, wenn man es in Gesellschaft tat.
„Puh, das war gut.“ Sie ließ sich nach hinten gegen die Lehne der Sitzbank fallen und streichelte ganz ungeniert über ihren kleinen Bauch. Diese kleine Geste löste etwas in Jonathan aus, dass er lange, lange nicht gefühlt hatte. Er war schockverliebt, darüber gab es keinen Zweifel mehr. Und das sah man ihm wohl auch an. Denn Susan war jetzt an der Reihe ihn schelmisch anzugrinsen.
„Du kannst wirklich gut kochen“, sagte sie und schaute ihn über den Rand ihres Weinglases an, dann lachte sie. „Das ist aber kein Grund, jetzt rot anzulaufen.“ Sie prustete und amüsierte sich köstlich.
„Das habe ich noch nicht so häufig von Frauen gehört“, erwiderte er jetzt tatsächlich leicht verlegen. Die meisten rührten sein Essen kaum an. DAS würde er ihr aber nicht auf die Nase binden. Sie legte jetzt den Kopf schief und sah ihn an, was sein Herz schmelzen ließ.
„Mein Instinkt sagt mir, dass diese Damen eventuell zu sehr auf ihren Körper fixiert sind. Ein gutes Essen stellt da eine potenzielle Gefahr dar. Essen die Damen überhaupt etwas?“, gab Susan feixend zurück.
Er musste lachen. Sie hatte ins Schwarze getroffen. „Nein, sie essen meist gar nichts. Deshalb habe ich Candlelight-Dinner von meiner Liste der Verführungsmethoden gestrichen. Will ich eine rumkriegen, dann geh ich nur noch in Bars. Da ist das Geld besser angelegt. Champagner mögen die meisten“, gab er offen zurück, erschreckt über seine eigene Ehrlichkeit.
Sie hatte ihre Füße auf die Bank gezogen und lachte sich kaputt, bis die Tränen kamen. Jonathan fiel in ihr unbeschwertes Lachen ein. Er dachte an sein letztes Date. Der Sex war gut, aber der viele Champagner vorher. Quälerei.