Seelenleere

Prolog 

Rote und grüne Lichter zuckten durch die Dunkelheit seines Hotelzimmers. Jonathan lag, mit hinter dem Kopf verschränkten Armen, auf dem Bett und starrte gegen die fleckige Zimmerdecke. Die Stille im Raum wurde durch das monotone Röcheln einer altersschwachen Klimaanlage und den entfernten Geräuschen des nahegelegenen Flughafens unterbrochen. Wieder einmal hatte das Leben seine Wünsche und Träume verhöhnt. Seine Seele war durch die Ereignisse der letzten Stunden zu einer trockenen Einöde geworden.
Er hatte hier unter falschem Namen eingecheckt. Hatte sich absichtlich dieses Drecksloch von einem Hotel gesucht. Er war auf der Flucht vor sich selbst, und allen, die er kannte und liebte. Den gutsituierten, freundlichen Dr. Jonathan Thomas gab es nicht mehr.
Seine Gedanken reisten zurück zu dem Nachmittag vor zwei Tagen, der ihn dazu gebracht hatte, Dr. Jonathan Thomas hinter sich zu lassen.

***

Er hatte in dem gemütlichen Ledersessel vor dem Kamin gesessen, als Halla nach Hause gekommen war. Wie immer war er ihr entgegengegangen, um ihr aus dem Mantel zu helfen und sie mit einer Umarmung und einem Kuss zu begrüßen. Sie lächelte, als er seine Hand unter ihr Kinn legte. Er betrachtete ihr Gesicht. Versank in ihren gletscherwassergrauen Augen. Was hatte sie getan?
Sie wich gereizt einen Schritt zurück.
„Okay, Jonathan. Was? Was möchtest du mir sagen?“, polterte sie unvermittelt los und schob ihn leicht von sich weg, als würde er ihr die Luft zum Atmen nehmen. Er fühlte sich hilflos. Er hatte das Entsetzen in seinem Blick wohl nicht vor ihr verbergen können.
Mist.
Ihr Gesicht war so anders. So glatt. Die vielen Lachfältchen, die er so liebte. Sie waren ... weg. Verschwunden.
Warum tat sie so etwas?
Er strich ihr sanft über die Wange, gedanklich verzweifelt auf der Suche nach den richtigen Worten.
„Warum hast du das gemacht?“ Er merkte, dass die Frage falsch war. Er hätte sie niemals stellen dürfen.
„Ich bin deine Nörgelei so satt“, spie sie ihm entgegen.
Große Ratlosigkeit breitete sich in ihm aus. Hier lief etwas schief. Und zwar sehr. Er umfasste ihre Schultern, so dass sie ihn ansehen musste.
„Halla. Liebes. Ich nörgle nicht. Ich verstehe nur nicht, warum du das machst. Dein Gesicht. Es ist wie eine Maske. Ich erkenne dich nicht mehr“, brachte er mühsam hervor. Gleichzeitig legte sich ein Schatten über seine Seele.
Sie schnaubte. „Weißt du eigentlich, wie sich das anfühlt, wenn man mit einem Mann zusammen ist, der trotz seines Alters, nicht einmal graue Haare bekommt? Weißt du, wie mies ich mich dabei fühle? Es ist schwer, mit dir mitzuhalten, Jonathan.“
Er wusste es. Natürlich, er hatte es immer gewusst.
„Halla ... ich liebe dich, so wie du bist. Ich habe geschworen, dich immer zu lieben. Du bist die schönste und begehrenswerteste Frau der Welt für mich. All deine Lachfältchen bedeuten mir so unendlich viel. Weil wir gemeinsam gelacht haben. Sie sind ein Zeugnis für die schöne Zeit, die wir miteinander verbringen.“
Sie funkelte ihn böse an. „Richtig! Ein Zeugnis! Das Problem ist nur, dass sich dieses Zeugnis ausschließlich auf meinem Gesicht ablesen lässt. Nicht auf deinem. Nicht mehr lang und ich sehe aus wie ... wie ...“ Nach passenden Worten suchend fuchtelte sie mit ihren Händen herum, bis sie schließlich wütend mit dem Finger auf ihn zeigte. Ihr Blick, ein einziger schwerer Vorwurf.
„Du wirst immer aussehen ... wie ... wie jetzt. Du hast kein Recht darauf, mich dafür zu kritisieren, dass ich meine Falten nicht will.“ Wutschnaubend marschierte Halla in die Küche, ließ ihn im Flur stehen.
Sein Gedankenkarussell nahm Fahrt auf. Irgendwer bat darum, sich anzuschnallen.
Das Altern. Genau das war das Problem. Jonathan hatte es seit längerem gespürt. Denn Halla zog sich schon seit einiger Zeit kontinuierlich weiter vor ihm zurück. Sie schliefen seit Monaten in getrennten Schlafzimmern, obwohl er das nie gewollt hatte. War das, das Ende?
Mit hängenden Schultern folgte er ihr in die Küche. Nahm sich einen Kaffee und setzte sich an den Tisch. Er musste es klären. Auch wenn er wusste, dass der Aufprall weh tun würde.
„Halla, bitte setz dich einen Moment zu mir.“ Sie warf ihm einen genervten Blick zu. Machte sich einen Tee, setzte sich schließlich ihm gegenüber an den Tisch. Er ergriff ihre Hand. Sah ihr in die Augen.
„Wir wussten, dass es irgendwann so kommen würde, nicht wahr?“
Sie sah an ihm vorbei durch das Fenster in den Garten hinaus.
„Ja, Jonathan. Das wussten wir. Ich hätte es wissen müssen, als ich dir mein Ja-Wort gegeben habe. Aber ...“
„Aber, du hast es dir anders vorgestellt,“ vervollständigte er ihren Satz.
Sie zuckte hilflos mit den Schultern und starrte niedergeschlagen in ihre Tasse. „Ich nehme es an.“
Seine nächste Frage wollte er nicht stellen. Aber er musste es tun. Für Halla.
„Wäre es einfacher für dich, wenn ich gehe?“ Er kannte ihre Antwort. Er kannte sie, womöglich länger als Halla selbst. Er hatte sie oft in ihren Augen gelesen. Hatte den Gedanken jedoch immer wieder verdrängt. Er hatte sich der Wahrheit nicht stellen wollen.
Als Halla nach einer gefühlten Ewigkeit mit einem geflüsterten Ja antwortete, wurde Jonathan nicht mit voller Wucht aus dem Sitz des Karussells geschleudert. Es war eher wie ein kontrollierter Flug hinaus in eine unbekannte und dunkle Unendlichkeit.
Er nickte stumm. „Ich werde ein paar Dinge regeln. Dann werde ich gehen.“
Mit einem letzten Kuss hatte er sich von ihr verabschiedet.

***

Das Mobiltelefon zeigte eine Nachricht. Jonathan erhob sich vom Bett, zog sich die Jacke an und griff nach der Reisetasche. Er blickte ein letztes Mal durch das muffige Zimmer. Dessen verlebter Zustand war in gewisser Weise ein Spiegel seiner selbst. Abgefuckt und im Grunde nicht mehr zu gebrauchen.
Auf der kurzen Fahrt zum Abflugterminal verfasste er eine Nachricht an seinen besten Freund, Ron.

Lieber Ron,
Halla und ich haben uns getrennt. Man wird dir einen Umschlag mit Anweisungen zustellen. Bitte befolge sie. Es tut mir leid. Ich muss gehen.
Du warst mir der beste Freund, den ich in meinem Leben je hatte.
In Liebe
Jonathan


Danach schaltete er das Telefon aus. Er würde es nicht mehr brauchen.
Das Flugzeug erhob sich in den Himmel. Mit jedem Fuß Flughöhe nahm die Leere und Dunkelheit in seiner Seele zu. Das Tattoo der Schlange, das seinen Körper vom rechten Unterarm bis zur linken Wade umschlang, schmerzte unangenehm, als wollten die gezeichneten Linien von ihm Besitz ergreifen.
„Lebt wohl“, murmelte er, dachte dabei an Ron und Halla.
Auf einmal wanderten seine Gedanken zu einem weit zurückliegenden Abend in einer Kneipe in Boston. Damals hatte er seine Kollegin und Freundin Melanie dort getroffen. Sie hatte ihm Mut gemacht. Ihm den Glauben an sich selbst zurückgegeben. Einfach durch ihre unumstößlich positive Art.
Der Kontakt zu ihr war schon lange abgebrochen. Eigentlich kurz nach der Hochzeit mit Halla. Er war in London geblieben. Melanie lebte mit ihrer Partnerin in Boston. Für eine Weile hatten sie noch schriftlich Kontakt gehalten, aber auch der war mit der Zeit eingeschlafen.
Mit geschlossenen Augen gönnte er sich die Erinnerung an Melanies quirliges Temperament, ihr Lachen und ihre dunklen Augen. Augen, die mühelos bis in seine Seele blicken konnten. Warum dachte er ausgerechnet jetzt an sie?

***

Feuchtwarme Luft und der Duft von üppiger Blütenpracht empfingen die Fluggäste bei der Ankunft. Jonathan registrierte es nicht. Er durchschritt zügig die Ankunftshalle. Orientierte sich kurz, bestieg dann ein Taxi. Der Taxifahrer zuckte zusammen, als er ihm sein Ziel nannte. Nach circa zwei Stunden Fahrt hielt der Wagen, abseits der Hauptstraße, in einer Gasse mit ein paar wenigen bunten Häusern.
„Sir. Hier müssen Sie aussteigen. Weiter fahre ich nicht.“
„Warum fahren Sie mich nicht bis zum Tor?“
Das Gesicht des Fahrers wurde bleich.
„Heilige Scheiße! Nein, Mann! Egal wie viel Geld Sie mir bieten, bis vor das Tor bringe ich Sie nicht. Auf keinen Fall. Sie steigen hier aus. Sie müssen dann nur noch ...“, er zeigte in Richtung zweier Häuser, „den Weg da drüben nehmen. Das Tor ist dann nicht mehr weit. Allerhöchstens zwanzig Minuten zu Fuß.“
Jonathan musste schmunzeln. Bezahlte das Taxi, schnappte seine Tasche und lief los. Hinter einem der Häuser war ein Müllcontainer. Kurz zögerte er.
War er einmal durch das Tor hindurchgetreten, gab es für ihn kein Zurück mehr.
Mit einem entschlossenen Schwung landeten seine Habseligkeiten im Müllcontainer. Das Leben des Dr. Jonathan Thomas war beendet.


Eins

Wieder und wieder starrte Ron kraftlos auf Jonathans Nachricht. Er dachte an die Nacht im Pub zurück, als Jonathan ihm gesagt hatte, dass Halla nicht mehr das Bett mit ihm teilen wollte. Er hatte das Thema, aus Rücksicht auf Jonathans Gefühle, von sich aus nicht wieder angeschnitten. Konnte die schleichende Veränderung in Jonathans Verhalten dennoch nicht leugnen. Er zog sich zurück. Wurde stiller und abwesender. Selbst Jonathans Augenfarbe hatte sich verändert. Seine Augen waren immer noch von diesem bestechenden Grün, doch das in ihnen ruhende intensive Strahlen fehlte. Immer öfter sah Ron winzige schwarze Punkte darin. Einmal hatte er Jonathan darauf angesprochen. Bei der Antwort hatte Jonathan traurig in sein Bier geblickt. „Die Schlange ... das, was mit ihr verbunden ist, ... die Dunkelheit, ... sie wird stärker, verschlingt mich, mit jedem Tag an dem Hallas Liebe zu mir schwächer wird, mehr.“ Ron hatte seine Worte zwar gehört, ihre Bedeutung wurde ihm erst jetzt wirklich bewusst.
Ein Klopfen an der Bürotür unterbrach seine Gedanken.
„Mr. Fraser. Hier ist ein Umschlag von Dr. Thomas für Sie abgegeben worden.“
„Danke. Sue.“ Er nahm den Umschlag entgegen, atmete tief durch und öffnete ihn. Er erkannte Jonathans geschwungene Handschrift sofort. Es war immer, als hielte man eine alte Urkunde in Händen. Jonathans Handschrift war, auf angenehme Weise, nie in der Moderne angekommen. ‚Testament und letzter Wille‘ stand auf einem Umschlag. ‚Scheidung‘ auf dem Nächsten. Auf dem dritten Umschlag stand ‚Für meinen Freund Ron‘. Ron öffnete diesen zuerst und verfluchte sich augenblicklich dafür. Ihm kullerten Jonathans Eheringe entgegen. Der aus Platin, den Halla Jonathan vor knapp siebzehn Jahren an den Finger gesteckt hatte und der viel, viel ältere Ring, der einst die Verbindung zu seiner ersten Liebe Freyja besiegelt hatte. Außerdem war da noch Jonathans Lederarmband, mit der mit einem Silberfaden eingeflochtenen vermeintlichen Glasperle, die in Wirklichkeit ein Rohdiamant war. Ron stöhnte auf. Das Armband war Jonathans Talisman gewesen, niemals zuvor hatte er sich freiwillig davon getrennt. Mit zitternden Händen nahm er das gefaltete Blatt Papier aus dem Umschlag.

Lieber Ron,
du ahnst vermutlich, dass dies hier ein Abschiedsbrief ist. Es tut mir leid. Ich muss aus vielerlei Gründen gehen. Die Macht in mir. Du erinnerst dich. Ich sagte dir, dass sie mich auffrisst. Jetzt, da die Liebe mich endgültig verlassen hat, mehr denn je.
All diese bösen Verse in meinem Kopf. Ich weiß nicht, ob ich sie beherrschen kann. Ich habe sehr große Angst davor, Menschen in meiner Nähe zu verletzen. Deshalb habe ich beschlossen, fortzugehen. Ich gehe an einen Ort, zu dem mir niemand folgen kann.
Wie ich dich kenne, wirst du nicht auf mich hören, wenn ich dir sage, bitte versuche mich zu vergessen und nicht, mich aufzuspüren. Ich kenne dich. Du bist du, wirst nicht lockerlassen, wirst mich suchen und vermutlich finden. (Was mich sogar ein klein wenig stolz macht.) Trotzdem wirst du mich dort nicht erreichen können. Niemand kann das.
Ich tue das nicht, um dich zu verletzen. Bitte glaube mir das. Unsere Freundschaft war die Bedeutendste in meinem ganzen Leben. Ich hoffe, dass die Schwärze in mir niemals die Macht haben wird, die Erinnerung daran auszulöschen.
In Liebe,
Jonathan
PS: Ich hätte dich gern noch einmal in meine Arme geschlossen. Aber das hätte es uns beiden nicht leichter gemacht. Bitte versuche, mich zu vergessen.

Ron rannen die Tränen übers Gesicht.
„Jonathan ... warum tust du mir das an? Dich vergessen, wie soll das gehen?“
Mit einem tiefen Seufzer öffnete er den nächsten Umschlag. Darin befanden sich Anweisungen an Ron, Jonathans Ehe mit Halla aufzulösen. Selbst eine Vollmacht lag bei, die Ron ermächtigte, über die Konditionen der Scheidung zu verhandeln. Demnach sollte Halla das Haus in London bekommen. Auf einem Klebezettelchen stand. „Ich weiß nicht, wie viel Geld als Entschädigung für siebzehn Jahre Ehe mit mir angemessen sind.“ Dahinter hatte Jonathan ein trauriges Gesicht gemalt.
„Was hast du getan, Halla? Niemals wieder wirst du einen Mann finden, der dich so auf Händen tragen wird, wie er es getan hat“, murmelte Ron in den Raum hinein. Er konnte nicht umhin, wütend zu sein. Halla war der Grund, warum er seinen Freund verlor. Der Gedanke war kindisch, aber er würde ihr die Scheidung nicht allzu einfach machen.
Widerstrebend griff Ron zum letzten Umschlag. Drehte ihn lange zwischen den Fingern, öffnete ihn dann doch. Nachdem er den Testamentstext überflogen hatte, schüttelte er den Kopf, goss sich ein großes Glas Whisky ein und leerte es in einem Zug. Dass es erst elf Uhr früh war, war Ron in seiner Trauer egal. Jonathan hatte ihm sein komplettes Vermögen vermacht. Das Testament sollte ein Jahr nach Datum der Erstellung vollstreckt werden. Ein Nachweis über den tatsächlichen Tod des Erblassers musste nicht erbracht werden. Auch hier klebte wieder ein Zettel. „Ich habe bei der Bank eine Kopie dieses Testaments hinterlegt und dort ebenfalls Anweisungen hinterlassen. Du solltest keine Schwierigkeiten haben, das Erbe anzutreten. Ansonsten hast du ohnehin Kontovollmacht.“ Dahinter hatte er ein lachendes Gesicht gemalt.
„Jonathan ... du bist ... unmöglich. Ich will dein Geld nicht. Ich will dich als Freund in meinem Leben. Mehr nicht. Warum tust du mir das auf meine alten Tage an?“

***

Sechs Monate nach Jonathans Verschwinden stand Ron an der Theke, in dem Pub, das immer ihr Lieblingspub gewesen war. Nigel, der Wirt, kam auf ihn zu.
„Hallo Ron, das Übliche für dich?“
„Hallo, Nigel. Ja. Ein Ale, bitte.“
„Du siehst mies aus. Was ist los, Ron? Und was hast du da in der Hand?“
„Ich habe heute Jonathans Ehe aufgelöst. Ein Scheißgefühl. Das hier ist Hallas Ehering.“
„Was? Warum durfte sie den nicht behalten?“
Ron lächelte. „Dieser Ring ist sehr alt. Quasi ein Erbstück. Ich verwahre Jonathans Gegenstück dazu. Ich konnte ihn nicht bei Halla lassen. Kein netter Zug von mir und irgendwie kindisch, ich weiß.“
Nigel zog eine Augenbraue hoch. Sein Gesichtsausdruck lag unergründlich zwischen Mitleid und Missbilligung. „Verstehe“, brummelte er. „Was macht Jonathan überhaupt? Okay, ich war selbst eine Weile weg, aber ich habe euch zwei ewig nicht mehr zusammen hier gesehen.“
„Er ist fort“, antwortete Ron.
„Lebt Jonathan nicht mehr in London?“
Ron schüttelte traurig den Kopf. „Nein. Er ist auf St. Lucia.“ Seine Gedanken wanderten zu der grünen Karibikinsel. Wie Jonathan prophezeit hatte, hatte Ron herausgefunden, wo er sich aufhielt.
Auf einer verfluchten Zuckerrohrplantage. Wobei das Wort ‚verflucht‘ wörtlich zu nehmen war. Das sagte Ron jedoch nicht laut. Denn das würde ihm niemand glauben. Selbst Nigel, der alkoholgeschichtenerprobte Wirt ihrer Stammkneipe, nicht.

Zwei

Bei der Erinnerung an seinen Besuch auf St. Lucia lief Ron ein kalter Schauer über den Rücken. Dabei hatte der Zufall, ein gutes Stück dazu beigetragen, dass er Jonathans Aufenthaltsort überhaupt hatte herausfinden können.
Nicht lange nach Jonathans Verschwinden, erreichte ihn ein offizielles Schreiben der Polizeibehörde dieser Karibikinsel. Darin wurde erklärt, dass eine Tasche gefunden worden war, mit eindeutigen Hinweisen, dass dessen Besitzer mit ihm in Verbindung stand. Im Grunde hatte man jedoch nur eine seiner Visitenkarten gefunden. So weit war das nichts, was ihn übermäßig verwunderte. Warum sollten seine Klienten nicht gern ihre Ferien auf St. Lucia verbringen wollen? Was die Behörden und schließlich auch ihn stutzig werden ließ, war, dass man in der Tasche einen gefälschten isländischen Reisepass auf den Namen Jona Eriksson gefunden hatte. Das war verdächtig. Ein Anwalt sollte keinen Kontakt zu Leuten mit gefälschten Pässen haben.
Da Jonathan ein nicht eben kleines Grundstück auf Island besaß, musste Ron nur noch eins und eins zusammenzählen und ein paar Erkundigungen bei Fluggesellschaften einholen. Der Isländer Jona Eriksson war zwei Tage nach Jonathans Abschiedsbrief auf St. Lucia eingetroffen. Die entscheidende Frage war, warum in Dreiteufelsnamen St. Lucia? Bisher hatte Jonathan nie eine besondere Vorliebe für die Karibik geäußert.
In seinem Abschiedsbrief hatte Jonathan davon gesprochen, dass er an einen Ort gehen würde, an dem Ron ihn nicht würde erreichen können. Warum? Was gab es auf St. Lucia für einen geheimnisvollen Ort, zu dem er nicht gelangen konnte? Der Gedanke ließ ihm keine Ruhe.
Ron holte daraufhin einmal mehr den Stammbaum seiner Familie hervor und studierte ihn eingehend. Damals, als Jonathan ihm die Pergamentrolle gegeben hatte, hatte er fast nichts über die Familiengeschichte der Frasers gewusst. Die hatte ihn schlichtweg nicht interessiert. Damals war er in seinen Vierzigern gewesen und hatte das Leben in vollen Zügen genossen. Heute war er Anfang sechzig, konnte auf seine Erfolge als bekannter und erfolgreicher Anwalt zurückschauen und war stolz auf seine Familiengeschichte.
Seine Finger glitten suchend über das alte Pergament. Da! George Horatio Fraser. Neben diesem Namen waren ein Anker, Wellen und eine Kompassrose gezeichnet worden. Das konnte ein Hinweis sein. Ein paar Stunden im Nationalarchiv brachten Klarheit. Unter seinen Vorfahren hatte es im späten 17. Jahrhundert einen erfolgreichen Kaufmann gegeben, der regelmäßig mit einem Frachtschiff zwischen Britannien und den Kolonien unterwegs gewesen war. Sein Vorfahr hatte enge Handelsbeziehungen zu einer Plantage mit dem Namen „Rose Manor“, von der er Zucker und Rum bezog.
Eine weitere Woche später hielt Ron die Kopie einer Grundbesitzurkunde über ein Plantagengelände nebst Zuckermühle und Rumdestillerie, ausgestellt auf den Namen Jonathan Thomas Le Clerc in den Händen. Weitere Nachforschungen ergaben, dass das Gelände an der Westküste St. Lucias lag. Nicht weit von einem heute bei Rucksacktouristen beliebten Örtchen. Mit all diesen Informationen bewaffnet, war es für Ron keine Frage gewesen, dass er nach St. Lucia fliegen musste, um diese Plantage und so hoffentlich auch Jonathan zu finden.

***

Die Sonne brannte vom Himmel. Der überwachsene Weg führte auf das große schmiedeeiserne Tor zu. Die kunstvoll verzierten Flügel wurden durch eine schwere Kette und wuchernde Kletterpflanzen zusammengehalten. Eine seltsam kalte Stille ging von dem Ort aus.
Je länger Ron die Metallgitter anstarrte, desto kälter wurde ihm und seine Knie begannen zu zittern. Angst kroch seinen Rücken hinauf. Bedrohlich und lähmend. Er würde nicht durch dieses Tor gehen können. Niemals. Auch wenn er die Kette aufbrechen würde. Die Kette war lediglich ein Symbol für etwas weitaus Mächtigeres, das jeden davon abhielt, dass hinter dem Durchgang gelegene Gelände zu betreten.
Verzweiflung und Sorge um seinen Freund trieben ihn dazu, mehrere Tage in Folge zu dem Feldweg zurückzukehren. Bei jedem seiner Besuche wagte er sich ein Stück näher an den Durchgang heran. Je weiter er ging, desto dunkler und kälter wurde es, obwohl das Tor, genau wie der Weg davor, im hellen Sonnenlicht lag.
„Warum bist du hier? Warum lässt du mich nicht zu dir, Jonathan?“, flüsterte er. Tränen rannen über sein Gesicht. Er bekam keine Antwort. Jonathan zeigte sich nicht. Das Tor blieb unüberwindlich.
Er rief immer wieder verzweifelt Jonathans Namen, folgte der Mauer zu beiden Seiten des Tores ein Stück weit durch das Pflanzendickicht. Es half nichts, es gab für ihn keinen Durchgang. Die Bösartigkeit, die von dem Gelände ausging, machte jeden Schritt zur körperlichen und seelischen Qual. Nach fünf Tagen musste Ron sich eingestehen, dass er Jonathan verloren hatte. In einem letzten verzweifelten Akt schrieb er eine Nachricht, wickelte sie um einen Stein und warf sie mit aller Kraft über das Tor.

***

Gabriel saß an seinem Schreibtisch, starrte aus den doppelt raumhohen Fenstern seines luxuriös modern minimalistisch eingerichteten Büros im zwanzigsten Stock seines Firmenimperiums. Er liebte diesen Stil aus Glas und Beton. Kalt. Roh. Ein Spiegel seiner selbst.
Sein Blick war finster in die Ferne gerichtet, als könnte er dort in den rasch wachsenden Wolkenbergen etwas Verborgenes sehen.
Vor ihm auf dem Schreibtisch lag ein Buch mit rotem Ledereinband.
Dieses verfluchte Buch!
Das Buch, auf dem Jonathan bei ihrer letzten Begegnung, auf Island gekniet hatte und von dem Gabriel angenommen hatte, dass es Jonathan Macht verlieh. Wie lange war das her? Annähernd zwanzig Jahre mussten es sein. Und immer noch nagte die Erinnerung an seine Niederlage an ihm. Wie eine Narbe, die man nicht entfernen kann und die immer bei einem Wetterwechsel wieder zu jucken anfängt.
Mit einer plötzlichen, unwirschen Bewegung fegte er es vom Tisch. Mit Getöse knallte es gegen die fünf Meter entfernte Wand und fiel zu Boden. Eine Seite segelte heraus und verhöhnte ihn. Ausgerechnet die, die das Abbild des Schlangenträgers zeigte.
„Verflucht seist du“, zischte Gabriel mit knirschenden Zähnen.
Er hatte sich das Buch besorgt. Jemand war in Jonathans Haus auf Island eingedrungen und hatte es ihm beschafft. Er hatte das Buch gelesen. Wusste, dass Jonathan ihn damals betrogen hatte. Dieses Buch war lediglich eine Sammlung nutzloser, unsinniger, nichtssagender Verse, meisterlich ausgeschmückt, kunstvoll gearbeitet, dennoch eine Fälschung. Und er war Jonathan auf den Leim gegangen. War blind und gierig in seine Falle getappt.
„Lassen deine Sinne nach?“, hallte Jonathans von Hochmut durchtränkte Stimme in seinem Kopf wider.
„Nein, Jonathan, sie lassen nicht nach“, sagte er laut, mit vor Wut rauer Stimme. Der Stachel des Zorns, darüber, dass Jonathan ihn damals auf eine falsche Fährte gelockt hatte, saß sehr tief und er würde Jonathan dafür bluten lassen.
Gabriel setzte sich an den Schreibtisch und lehnte sich in seinem Chefsessel zurück, starrte das abstrakte Gemälde an der gegenüberliegenden Wand an. Seine Gedanken wanderten weit zurück, bis an den Beginn der Zeit, als die Heere der Engel den apokalyptischen Drachen bekämpft hatten. In dieser einen epischen Schlacht. Als die göttliche Schöpfungsgeschichte begonnen hatte. Die Heere der Engel waren vergangen. Nicht mehr als ein vergessener Mythos. Den apokalyptischen Drachen hatte der Erzengel Michael besiegt. So sagte es die Legende.
Gabriel hatte sich dereinst als Botschafter und Verkünder auf die Erde hinabbegeben. Hatte das Verschwinden der alten Mythen miterlebt, den Wandel von der naturgebundenen Götterverehrung hin zu der Verehrung des einen Gottes, vorangetrieben.
Er hatte von Anfang an geahnt, dass sie den apokalyptischen Drachen nicht vollständig besiegt hatten. Er hatte es gefühlt, als er die Erde betreten hatte. Da war eine Kraft. Etwas, das Gabriel nicht greifen konnte. Etwas, das er nicht verstand. Dieses Etwas war mächtiger als die Macht Gottes. Bei seiner jahrhundertelangen Suche war er einem jungen Mönch begegnet, der sich selbst Jona genannt hatte. Ein geheimnisvoller stiller junger Mann. Dem Wesen nach kaum älter als zwanzig, jedoch gesegnet mit dem Wissen eines weisen, alten Mannes. Alle, egal welcher Religion sie angehört hatten, waren in seinen Bann gezogen worden, während er von Vergebung und Liebe gesprochen hatte. Er hatte die Menschen um sich herum eingelullt. Sie verführte. Wie einst die Schlange, Eva verführt hatte. Gabriel hatte Jona verfolgt, hatte das Schlangentattoo auf seiner Haut gesehen. Er hatte den Erben der Macht des Drachen, gefunden. Dessen war er sich sicher.
Gabriel schmunzelte bei dem Gedanken.
„Du warst damals ein schmächtiger Jüngling, mit viel zu großen Träumen, Jonathan.“ Ja, damals hätte er Jonathan vernichten können. Stattdessen hatte er beschlossen, dies den Vertretern der Kirche zu überlassen. Jona war, wegen seiner Schriften und ketzerischen Ansichten, auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden. Wie konnte er ahnen, dass Jonathan das Feuer überleben würde?
In den darauffolgenden Jahrhunderten hatte Gabriel immer wieder versucht, Jonathan zu vernichten. Zu seiner Schande musste er sich hier und jetzt eingestehen, dass er die direkte Konfrontation jeweils vermieden hatte. Was rückblickend ein großer Fehler gewesen war.
Mittlerweile war Gabriel der Überzeugung, dass die Macht des Drachen, diese Macht der Verführung, in Jonathan weiterwuchs, je mehr Prüfungen dieser im Leben zu bestehen hatte. Er verfluchte sich, da er oft selbst Jonathan diese Prüfungen in den Weg gelegt hatte. Allerdings wusste Jonathan nichts vom Erbe des Drachen in ihm. Er ahnte nicht, welche Kraft tatsächlich in ihm schlummerte.
Die Verse, die Jonathan bei ihrem letzten Zusammentreffen auf Island benutzt hatte, waren mächtig und hatten Gabriel einen gewissen Respekt abgerungen. Aber sie hatten nichts mit der Urgewalt des Drachen zu tun. Durch sie wurde diese Kraft in Jonathan lediglich zum Leben erweckt. Und Jonathan hatte nicht die Mittel, diese Kraft zu kanalisieren. Gabriel spürte es und er hatte es gesehen.
Er wusste, wo er Jonathan finden würde.
„Ich werde dich besuchen. Ich hoffe, du freust dich auf mich.“