Out of Dosenfisch

Indizien, Sprachlosigkeit und ein hartes Urteil

Auf der Fahrt vom Untersuchungsgefängnis in den Gerichtssaal begleiten mich Walters und Graham. William haben sie dafür nicht eingeteilt, aber er hat mir noch die Handschellen angelegt. Während ich aus den vergitterten Fenstern des Vans starre, denke ich über Williams Worte nach. ‚Es endet dumm, wenn du nicht darüber sprichst, was passiert ist‘, das hat er zu mir gesagt. ‚Es endet dumm‘ ist ziemlich vage. Dumm ist es, wenn man sich beim Gehen nicht konzentriert und dann vor einen Laternenpfahl läuft. Damit kenn ich mich aus. Aber diese Art von Dummheit hat er wahrscheinlich nicht gemeint.

Soll ich reden? Kann ich es überhaupt erklären? Wenn ja, würden Sie mir glauben? Die Chancen dafür stehen schlecht. Das hat mir der Mann erklärt, der sich als mein Pflichtverteidiger vorgestellt hat. Die Indizien seien erdrückend. Was auch immer Indizien sind. Ich kenne das Wort nicht.

Im Gerichtssaal angekommen, riecht es nach Bohnerwachs. Woher ich das weiß? Meine Oma hat regelmäßig ihren Küchenboden damit poliert. Ich durfte immer mithelfen. Das ist lange her. Was meine Oma wohl sagen würde, wenn sie mich hier so sitzen sähe? Wahrscheinlich würde sie weinen. Wie damals, als Mama mit dem großen Koffer und mir an der Hand in den Bus gestiegen war. Danach habe ich Oma und Opa nie wiedergesehen. Bis heute weiß ich nicht, warum. Mama hat es mir nie erzählt.
Der Mann neben mir stupst mich sanft an. Ich fahre vor Schreck zusammen.
„Peter, der Richter möchte gern, dass du ihm deinen Namen und dein Alter nennst.“
Zum ersten Mal sehe ich nach vorn. An dem erhöhten Pult sitzt ein Mann mit einer grauen Perücke. Warum trägt er die? Weiß er, wie affig er damit aussieht?
„Mr Clark, würden Sie mir bitte antworten?“, fordert mich der Richter streng auf.
„Ehm … Entschuldigung … mein Name … mein Name ist Peter Clark … ich bin siebzehn“, stammle ich vor mich hin wie ein Fünftklässler, der unvorbereitet bei der Geburtstagsparade der Queen in der ersten Reihe steht und plötzlich von ihr angesprochen wird, obwohl er sich nur aufs Fähnchenschwenken vorbereitet hatte.
„Wissen Sie, warum Sie heute hier sind?“, will der Richter wissen. Ich nicke stumm. Ich soll darüber sprechen, was passiert ist. Die Worte von William, dem einzigen Wärter, der immer an die Tür geklopft hat, bevor er in meine Zelle gekommen ist, fallen mir wieder ein. Aber die Fähigkeit zu sprechen, hat mich mal wieder verlassen, denn meine Aufmerksamkeit driftet wieder zur Perücke des Richters. Da liegt eine Locke falsch. Kann er das bitte korrigieren? Diese blöde falsch stehende Locke nervt. Sie stört.

Und genau da liegt mein Problem. Also eines meiner Probleme. Ich lasse mich ablenken von total unwichtigen Nebensächlichkeiten. Immer. Mein Stiefvater denkt deshalb, ich sei dumm. Bin ich nicht. Aber was mein Stiefvater von mir denkt, ist ohnehin ein großes Rätsel. Mal bin ich dumm. Dann wieder soll ich ihm Gesellschaft leisten. Ich schüttle den Kopf, um tiefer gehende Gedanken loszuwerden.
„Mr Clark, Sie geben also zu, dass Sie den Hammer mit der rechten Hand gehalten haben?“
Was? Was hat der Richter gefragt? Ich sehe Hilfe suchend den Mann neben mir an. Erst jetzt fällt mir auf, dass er mindestens genauso nervös ist wie ich. Er knetet unablässig seine Hände. Sieht resigniert auf die Akte vor sich.
„Mein Mandant ist Linkshänder“, klärt er sachlich auf.
„Dennoch hat er die Frage, ob er mit links zugeschlagen hat, gerade sehr deutlich durch sein Kopfschütteln verneint.“ Der Richter sieht mich kalt an, dann wandert sein Blick zu der anderen Bank, auf der ein junger Polizist sitzt. Was mich dazu bringt, den Polizisten ebenfalls genauer anzusehen. Das ist der, der mich festgenommen hat.„Hatte Mr Clark den Hammer in seiner rechten oder linken Hand, als Sie ihn gestellt haben, Police Constable Bennet?“
„In der rechten. Aber er hat ihn fallen gelassen, als er mich gesehen hat, euer Ehren.“
„Stimmen Sie dieser Schilderung zu, Mr Clark?“
„Ja“, krächze ich. Denn so war es. Oder doch nicht? Verdammt! Ich weiß es nicht mehr.
„Euer Ehren, das beweist aber doch nicht, dass Mr Clark Susann O’Donnal erschlagen hat. Es sagt lediglich aus, dass er die Tatwaffe angefasst hat“, meldet sich mein Verteidiger zu Wort.
„Ich stimme Ihnen zu, Mr Parker. Aber um die Anschuldigungen gegen Ihren Mandanten zu entkräften, müsste ich von Mr Clark persönlich erfahren, was genau an dem Morgen in der Gasse hinter der Fischfabrik passiert ist.“
Der Richter sieht mich an. Alle sehen mich an. Und ich? Ich versuche verzweifelt die Enden der Erinnerungen an den neblig, feuchtkalten Märzmorgen zu greifen und Worte dafür zu finden.
„Mir war kalt“, bringe ich mühsam hervor. „Ich … ich wollte nach Hause … in … in die Badewanne“, stottere ich weiter. In meinem Kopf taucht das Bild unseres Badezimmers auf. Das Schaumbad duftet nach Vanille.
„Bitte sprechen Sie weiter, Peter“, flüstert mein Verteidiger mir zu. Aber ich kann nicht. Die Erinnerung an die Badewanne löst weitere Erinnerungen an schreckliche Dinge aus. Dinge, die ich nicht aussprechen kann. Dinge, die mir eiskalte Angst machen. Ich beginne zu zittern. Tränen laufen über meine Wangen. Ich möchte hier weg. Ich möchte zurück in meine Zelle. Da ist Stille. Da ist William, der mir Schachspielen beigebracht hat. Da ist die Sicherheit, dass niemand einfach so nachts neben meinem Bett steht. Das will ich. Bloß weg von IHM.
Ich schniefe laut. Wische mir mit dem Ärmel meines Overalls übers Gesicht.
„Ich kann nicht“, bringe ich schließlich ganz leise hervor, bevor ich meinen Kopf auf die verschränkten Arme lege und mich vor der Welt verstecke.

Es wird viel gesprochen. Mein Verteidiger, der Richter, der Polizist, sein Anwalt. Alle reden. Ich höre sie, verstehen tue ich sie aber nicht. Ich bin in meiner eigenen Welt gefangen. Dort ist es laut und grell. Und immer wieder sehe ich das Bild der toten Frau. Meine Hand umklammert den Griff des Hammers.

Ein lauter Knall lässt mich zusammenfahren. Ich sehe meinen Verteidiger an. Ihm ist die Farbe aus dem Gesicht gewichen. Auch sonst ist es mit einmal merkwürdig still im Gerichtssaal.

Auf dem Weg zurück in die Haftanstalt muss der Van an einer Ampel warten. Aus dem Fenster heraus sehe ich an einer Straßenecke den Police Constable Bennet. Neben ihm steht der Bürgermeister. Sein Gesicht kenne ich von Plakaten. Daneben mein Stiefvater. Die drei schütteln sich lächelnd die Hände. Leider fährt der Van dann weiter, sodass ich das Grüppchen nicht weiter beobachten kann.




25 Jahre

Ich sitze mit zwölf weiteren Männern am Tisch und schaufle mein Frühstück in mich hinein. Porridge – eine Masse, die hier wie Tapetenkleister schmeckt und durchaus auch so ähnlich aussieht. Nicht, dass ich große Erfahrung mit Tapetenkleister hätte, dafür war ich damals zu jung, als ich hierherkam, aber genau so stell ich mir die Masse vor. Es könnte aber auch aufgelöste Raufasertapete sein, von der ich genauso wenig Ahnung habe. Was ich aber mit Sicherheit weiß, vergleichbar mit dem Porridge meiner Kindheit ist es nicht. Das war cremig und süß, weil meine Großmutter immer einen ordentlichen Schuss Sahne und Honig mit hineingegeben hat. Für einen Moment schließe ich die Augen stelle mir vor, bei meiner Großmutter am Küchentisch zu sitzen, würge dabei den letzten Rest des geschmacklosen Haferschleims herunter. Porridge gibt es hier jeden Morgen. Verlässlich. Keine Überraschungen. Nur graue Eintönigkeit. Ich mag das. Irgendwie.

Überhaupt folgt hier jeder Tag einer strengen Routine. Wecken, der Gang in die Waschräume, Frühstück, dann vier Stunden Arbeit. Mittagessen. Wieder vier Stunden Arbeit. Danach steht ein Gang in den Hof oder Sport auf dem Programm. Eben was man so mag. Danach wieder der Gang in die Waschräume. Abendessen. Etwas Zeit im Aufenthaltsraum. Dann zurück in die Zellen. Um zehn ist Nachtruhe.

Ich mag Sport. Aber nur allein. Teamsport ist nicht meins. Kraftübungen, die hundertprozentige Körperbeherrschung erfordern, sind mein Ding. Die anderen sehen mich immer seltsam an, wenn ich mich, betont langsam, in einen einarmigen Handstand strecke oder sonstige seltsame Kraftübungen mache. Mein Körper gehorcht mir bis in den kleinsten Muskel. Leider kann ich das von meinem Hirn oft nicht behaupten. Das folgt seinen sehr speziellen eigenen Regeln. Sehr zu meinem Leidwesen. Was nicht heißen soll, dass ich dumm bin. Bin ich nicht, nur eben anders.

Lesen mag ich auch. Bin quasi Stammkunde in der hauseigenen Bibliothek. Leider ist die Auswahl nicht so groß, dafür sind die Themen sehr breit gefächert. Es gibt alles; Krimis, Liebesgeschichten, Thriller, Horror, Sachbücher, sogar Schulbücher gibt es. Irgendwann habe ich angefangen, einfach die Bücher regalweise zu lesen. Egal was. Da ich das jetzt schon mehrere Jahre mache, hat sich in meinem Kopf einiges an Wissen angesammelt. Meine Lehrer wären stolz auf mich. Damals, in der Schule, hat es mit dem Lernen nämlich nicht so gut geklappt. Aber das ist eine andere Geschichte.

Manchmal, wenn meine Gedanken mir keine Ruhe lassen und auch Lesen nicht hilft, dann mache ich auch nachts noch Kraftübungen. So lange, bis meine Muskeln streiken, die blanke Erschöpfung das Chaos in meinem Kopf dann endlich zum Schweigen bringt.

Das Frühstück ist beendet. Die Jungs, die zum Küchendienst eingeteilt sind, sammeln geräuschvoll das Geschirr ein. Wir anderen müssen so lange sitzen bleiben.
„Peter Clark“, brüllt jemand über das Klappern von leeren Tellern, Besteck und Plastiktabletts hinweg.

Allgemeines Raunen schwappt wie eine Welle durch den Raum, als ich mich erhebe. Fünfzig Augenpaare starren mich an. Jedenfalls gaukelt mein hyperaktives Hirn mir das vor. In einer anderen Wahrnehmung ist es den meisten möglicherweise scheißegal, was gerade wer von mir will. Hier kümmert man sich nicht umeinander. Hier drinnen geht man sich aus dem Weg, wenn man kann. Mir sowieso.
Billy, einer der ständig brummig guckenden Wachmänner, postiert sich neben mir.
„Peter Clark?“
Es ist Blödsinn, meinen Namen zu wiederholen. Er kennt mich. Bin ja nicht erst seit gestern hier.
„Ja, Sir“, antworte ich zackig. Starre dabei geradeaus, ohne irgendwem in die Augen zu sehen. In meinem Kopf rotiert das Gedankenchaos. Dabei sollte da nur eine Frage sein: Warum rufen sie deinen Namen auf? Stattdessen rasen Fragmente von Kindheitserinnerungen, gepaart mit Textpassagen aus einem Buch, das ich kürzlich gelesen habe, garniert mit der Erinnerung an einen kleinen gewalttätigen Zwischenfall in den Duschen von letzter Woche durch mein Hirn. Ein undurchdringlicher Wirrwarr, dem ich gern entfliehen würde. Wenigstens für einen Tag. Oder nur für ein paar Minuten. Passiert nicht. Weiß ich.
„Es ist alles in Ordnung, Peter.“ Billys Stimme ist jetzt mitfühlender, leiser. Wahrscheinlich hat er die Panik in meinen Augen gesehen. Billy kennt mich. Wir haben hier quasi zusammen angefangen. Nur eben auf der entgegengesetzten Seite der Tür. „Du hast nichts Falsches getan. Im Gegenteil. Weißt du denn nicht, was heute für ein Tag ist?“
Scheiße. Nein, weiß ich nicht. Mein Geburtstag ist es jedenfalls nicht.
„Nein, Sir“, antworte ich wahrheitsgemäß.
Billy schüttelt den Kopf. „Du wirst heute entlassen. Die fünfundzwanzig Jahre sind um.“
Was?Meine Gedanken beginnen zu kreisen. Nur eben nicht wunderbar verzahnt, sondern eher wie verbogene Zahnräder ohne Halt. Sinnlos.„Aber … der Richter hat lebenslänglich gesagt, damals, im Gerichtssaal“, stoße ich leise hervor. Muss zwangsläufig an diesen beschissenen Morgen im März denken, an dem alles begann.Die Frau. Der Hammer. Ihr Blut an meinen Händen.Billy lässt den Kopf hängen. Dann sieht er mich wieder an.
„Peter! Freiheit ist kein Grund zur Panik. Und ja, du wurdest wegen Mordes verurteilt, aber du warst erst siebzehn. Der Richter hat dir fünfundzwanzig Jahre bei guter Führung gegeben. Nicht lebenslänglich. Und jetzt, komm.“ Er macht eine stumme Geste, dass ich ihm meine Handgelenke entgegenstrecken soll. Die Handschellen schnappen zu. „Gute Führung?“ Ich klinge wie ein rostiger Nagel, der über eine Eisenplatte gezogen wird. „Ich habe mich nicht ‚gut geführt‘.“ Es gibt da einige Mithäftlinge, die das bezeugen könnten, wenn sie sich denn trauen würden, mich zu verpfeifen.
Billy bleibt stehen und lacht.
„Deine Arbeit erledigst du gewissenhaft. In deiner Zelle kann man vom Boden essen und geprügelt hast du dich in all den Jahren nur ganze drei Mal. Unter uns, die drei Mal wäre mein Temperament auch mit mir durchgegangen. Alles in allem nennt man das ‚gute Führung‘. Du hast es verdient, im Leben eine zweite Chance zu bekommen, Peter.“

Eine zweite Chance? Was soll das sein? Ich will keine zweite Chance. Verdammt! Hätte ich mich tatsächlich, wie die anderen Neandertaler hier drinnen benehmen sollen? Ständig laut, pöbelnd und prügelnd einen auf dicke Hose machen? Nein! Nicht mein Stil. So bin ich nicht. Ich bin eher leise, unauffällig dafür effizient. Aber Freiheit? Scheiße! Da wird mir schlecht.
„Clark! Nun guck nicht so. Ich bekomm den Eindruck, dass du lieber hierbleiben möchtest, Mann.“
Will ich auch. Hier ist mein sicherer Hafen. Aber es ist zu spät. Daran hätte ich deutlich früher arbeiten müssen. Moment mal! Da fällt mir was ein. Da war doch dieser Tag, an dem sie mich in eines der Verhörzimmer gebracht haben. Muss wohl so ein Jahr her sein. Die haben mich so seltsame Dinge gefragt. Was ich arbeite? Ob ich gern arbeite? Ob ich gern lese? Damals kam mir das reichlich komisch vor. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, ob sie mir gesagt haben, was der Hintergrund der ganzen Fragerei war. Ich glaube, jetzt weiß ich es. War blöd von mir alle Fragen höflich zu beantworten.
Verfickte Scheiße!

Um Haltung bemüht und mit einem Sack voller Selbstvorwürfe auf den Schultern geht es durch lange triste Korridore, diverse Sicherheitsschleusen, über auf Hochglanz gebohnerte Böden, die irgendwann einmal modern waren, und jetzt nur noch ein speckiges Dasein fristen, bis wir vor einer Bürotür stehen bleiben. Das Wort ‚Direktor‘ hat man mit billigen Klebebuchstaben schludrig auf die Tür gepappt. Die Tür schwingt auf, ich werde in den Raum geschoben. Mir zittern die Knie. Scheint aber niemand zu bemerken.
„Sir, ich bringe den Häftling, Peter Clark.“
„Ah, ja. Der Mörder. Eine Schande“, brummelt der Direktor.
Er sieht dabei tatsächlich so aus, als hätte er bei meinem Anblick gern angeekelt auf den Boden gespuckt. Dann erhebt er sich mühsam hinter seinem klobigen, altmodischen Schreibtisch. Mir geht durch den Kopf, dass der Mann genau hierher passt. Wie überhaupt alles in diesem Raum Sinn ergibt. Die verblichene Wandfarbe, die alten Büromöbel. Sogar die Gestalt des Direktors. Schwerfällig, ungelenk, mit einem speckig polierten Gesicht, das dem Boden draußen glatt Konkurrenz machen könnte. Mir ist mal wieder schleierhaft, warum mein Hirn mir diese Erkenntnisse liefert. Ist doch im Grunde total egal, wie es in diesem Büro aussieht, und ob der Direktor optisch hineinpasst oder nicht. Aber schön, dass mein Hirn und ich das geklärt haben.
„Clark. Sie werden heute entlassen.“ Das leise angefügte ‚leider‘ höre ich deutlich. Innerlich stimme ich ihm sogar zu. Aber die Sache ist nun mal so, wie sie ist. Da müssen wir jetzt beide durch.

Ein Schnauben links von mir lässt mich erstmals zum Fenster sehen. Dort sitzt eine junge Frau. Ihr Gesicht erkenne ich nur von der Seite. Sie trägt einen glitzernden Stein im Nasenflügel. Der deutlich bebt. Ist sie wütend? Doch nicht wegen der Worte des Direktors, oder? Jetzt springt sie auf die Füße.
„Direktor Murray. Darf ich Sie darauf aufmerksam machen, dass Mr Clark seine Strafe rechtmäßig verbüßt hat. Heute entlassen zu werden, steht ihm zu. Wenn Ihnen das nicht passt, dann hätten Sie im Vorfeld genug Zeit gehabt, dagegen Ihre Bedenken zu äußern. Haben Sie aber nicht.“
Wow! Sie scheint echt sauer zu sein. Direktor Murray aber auch. Sieht man an seinem roten Kopf. Natürlich baut er sich übertrieben machomäßig vor ihr auf. Würde er sich bei mir nicht trauen. Bei seiner Frau wohl auch nicht.
„Ms Edwards. Dieser Mann ist ein Mörder. Und soll ich Ihnen was sagen? Er wird es wieder tun. So wie die anderen auch. Und Sie kleine Sozialtussi, mit ihren naiven Vorstellungen von der heilen Welt und diesem ach so großartigen Rehabilitationsprogramm, werden daran nichts ändern.“
Also jetzt geht er eindeutig zu weit. Die Frau hat es nicht verdient, meinetwegen von ihm beleidigt zu werden. Deshalb räuspere ich mich deutlich hörbar, was beide dazu bringt, sich zu mir umzudrehen.
„Ich … ich kann auch bleiben“, biete ich mit solider Unsicherheit in der Stimme an. Meine es aber ehrlich.

Sie sieht mich aus riesigen Augen völlig konsterniert an. Augenblicklich schaltet mein Hirn in einen mir bis dato unbekannten Modus. Ich sauge jede Einzelheit ihrer Gestalt in mich auf. Sie reicht mir bis zum Kinn. Ihre Augen sind von einem dunklen Blau mit fast lilafarbenen Sprenkeln. Sie hat Sommersprossen und eine Stupsnase. Der Glitzerstein betont das irgendwie. Ihr Mund steht sprachlos halb offen. Schwarze gelockte Haare umranden ihr herzförmiges Gesicht. Auf der rechten Seite hat sie eine blaue Strähne im Haar. Das Blau unterstreicht den Farbton ihrer Augen. Über dem schwarzen T-Shirt trägt sie eine verblasste Jacke. Im Ausschnitt des Shirts lugen die Spitzen eines Tattoos hervor. Ob ihre Arme auch tätowiert sind? Warum mein Hirn gerade diese Frage herausschleudert, weiß, wie immer, mein Hirn allein.

Sie steht jetzt direkt vor mir und mustert mich. So eindringlich, dass es in meinem Kopf mit einmal komplett ruhig wird. Keine Gedankenblitze, kein Karussell in Höchstgeschwindigkeit. Komisches Gefühl.Hoppla! Und warum wummert mein Herz jetzt so laut?
„Mr Clark. Sie haben für die Tat, die sie begangen haben, gebüßt. Sie waren siebzehn. Fast noch ein Kind. Jetzt sind Sie zweiundvierzig. Da draußen wartet ein Leben auf Sie.“
Ich schlucke hart. Ja, manchmal, aber eher selten, träume ich von einem Leben in Freiheit. Doch dann rauschen meine Gedanken wieder wild davon und ich weiß, dass ich ein ‚normales‘ Leben unmöglich auf die Reihe bekommen kann. Ich bin einfach zu kaputt, was sie natürlich nicht wissen kann.
„Seien Sie unbesorgt. Sie werden nicht alleingelassen. Ich bin Ihre Betreuerin. Ich werde Ihnen in den nächsten Monaten bei allen Belangen zur Seite stehen. Behördengänge, Arbeitssuche … all das.“ Direktor Murray schnaubt missbilligend.
„Ich wette, dass er in einem halben Jahr wieder hier ist. So jemand wie der hat keine Zukunft. Wie auch? Die prägende Phase seines Lebens hat er im Knast verbracht. Er kennt nichts anderes. Sozialisierung? Fehlanzeige. Hinzu kommt, dass in seinem Oberstübchen nicht alles normal läuft.“ Er lässt einen Finger neben seinem Kopf kreisen. Am liebsten würde ich ihm dafür eine reinhauen. Dann hätte sich das mit der Entlassung auch gleich erledigt. Aber dann würde ich Ms Edwards enttäuschen, und das ist etwas, was ich gerade nicht möchte. Könnte an dem Blick liegen, den sie mir schenkt.
„Beschreiben Sie es mir“, fordert sie mich auf.
Es erklären? Ja, wäre schön. Wirklich. Nur kann ich es nicht. Also normalerweise schon, aber im Moment passiert gerade wieder zu viel gleichzeitig in meinem Kopf. Hilfesuchend schaue ich auf meine Füße. Bringt natürlich auch nichts.
„Ich bin nicht dumm.“
Das ist alles, was mein Sprachzentrum zustande bringt.
Idiot!
Sie lächelt und berührt ganz leicht meine Hand.
„Das glaube ich auch nicht.“




Der süße Duft der Freiheit

Noch in Direktor Murrays Büro nehmen sie mir die Handschellen ab und erläutern mir den Ablauf des Rehabilitationsprogramms. Keine Ahnung, ob ich gründlich zugehört habe und wirklich alles verstanden habe. Ist ja auch irgendwie egal. Wahrscheinlich behält Direktor Murray ohnehin recht, nicht damit, dass ich wieder jemanden umbringe, das ist sehr unwahrscheinlich, aber möglicherweise damit, dass ich wieder im Knast landen werde. Die Chancen stehen nicht schlecht. Das sagt schon die Statistik.Am Ende unterschreibe ich ein paar Dokumente, bestätige, dass ich während der Programmdauer von neun Monaten mindestens einmal wöchentlich Kontakt zu meiner Betreuungsperson habe, was ja nicht so schwer sein sollte. Ms Edwards legt jeweils eine Kopie der Dokumente sorgfältig in einer Mappe ab. Dann fordert sie mich auf, ihr zu folgen.
„Wir werden jetzt zusammen in die Kleiderkammer gehen. Dort bekommen Sie Ihre persönlichen Gegenstände zurück und zivile Kleidung.“

Stumm gehe ich hinter ihr her. Was soll ich auch sonst machen? Billy begleitet uns.
„Können Sie sich an Ihre persönlichen Gegenstände erinnern?“, will Ms Edwards wissen.
Bilder rauschen wie ein eiskalter Bach durch mein Hirn. Ein früher nebliger Morgen im März. Ich war auf dem Weg von der Nachtschicht nach Hause. Wie immer hatte ich nicht den Bus genommen, sondern lief durch die Docks nach Hause. Bis ich auf sie traf. Fast fühle ich das Blut wieder an meinen Händen kleben. Gänsehaut rieselt meinen Rücken hinab. Mechanisch reibe ich mit den Händen über den rauen Stoff meines Gefängnisoveralls.
„Ich hatte einen Rucksack dabei. So ein olivfarbenes Armee Ding aus Baumwolle. War damals mächtig angesagt bei uns Jungs.“
Sie schenkt mir ein Lächeln und will wissen, was in dem Rucksack war. „Viel kann da nicht drin gewesen sein. Eine Thermoskanne, Brotdose, Geldbörse und die Hausschlüssel.“

Schweigend gehen wir weiter, bis wir eine Doppeltür erreichen. Billy bleibt stehen.
„Mach es gut, Clark. Ich wünsche mir für dich, dass Direktor Murray und die Statistik in deinem Fall unrecht haben.“
Mit einem kurzen Nicken dreht er sich um und geht. Ich sehe ihm nach und fühle mich plötzlich wie ein Kind, das man an einem menschenleeren Strand bei Sturmflut zurückgelassen hat. Warum? Billy war nicht unbedingt mein Freund. Mit ihm habe ich nie Schach gespielt. Trotzdem war er mit seiner muffigen Art ein Teil meines Lebens. Irgendwie.
„Sie sind nicht allein, Mr Clark“, holt mich Ms Edwards Stimme zurück ins Hier und Jetzt.

Die Sache mit der Kleiderkammer ist schnell abgehakt. Ich bekomme meinen abgewetzten löchrigen Rucksack mit seinem kompletten Inhalt zurück. Wohlgemerkt, alles gereinigt. Nur die Kleidung, die ich am Tag meiner Festnahme getragen habe, ist nicht dabei. Was zugegebenermaßen auch keinen Sinn gemacht hätte. Den schlaksigen, pickligen Jungen von damals gibt es definitiv nicht mehr. Stattdessen bekomme ich einen größeren Karton, mit einer ‚passenden Erstausstattung‘, wie Ms Edwards es nennt. Als letztes wird mir meine Geldbörse ausgehändigt, mit dem mickrigen Betrag von fünfzehn Pfund plus Kleingeld darin. Mit einem seltsamen Gefühl betrachte ich die Scheine.Es ist lange her, dass ich Geld in der Hand hatte.
„Die Pfundnoten wurden zwischenzeitlich neu aufgelegt, sehen ein wenig wie Spielgeld aus, sind aber echt. Keine Sorge“, klärt mich Ms Edwards auf. Dabei schenkt sie mir ein Lächeln, was wieder, für einen winzigen Moment diese unerklärliche Wirkung hat und den Rummelplatz in meinen Kopf zum Schweigen bringt. Wie macht sie das?

Mit dem Gefühl, gleich von einer viel zu hohen Klippe zu stürzen, mache ich meinen ersten zaghaften Schritt nach draußen. Die helle Frühlingssonne blendet mich so stark, dass ich erst einmal die Augen schließen muss. Tatsächlich brauche ich auch einen Moment, um damit klarzukommen, dass die Tür, und damit das Leben, das ich hinter dieser Tür geführt habe, abgeschlossen ist und ab jetzt etwas beängstigend Neues beginnt.
„Willkommen in der Freiheit, Peter. Ich bin Katy.“
Sie streckt mir ihre Hand entgegen. Wartet.

Freiheit! Das Wort gleicht einer riesigen Schlucht, die ich unmöglich überwinden kann. Allerdings ist da auch wieder ihr Blick – wie eine Brücke, die mich sicher trägt. Was natürlich ein schwachsinniger Vergleich ist. Katy könnte mich niemals tragen, aber der Abgrund existiert ja auch nur in meinen wirren Vorstellungen.

Wie in Zeitlupe ergreife ich ihre Hand. Sie ist klein und warm und viel zu zart für jemanden wie mich. Schnell lasse ich wieder los, aus Angst sie zu zerdrücken.
„Haben Sie … Verzeihung … hast du, einen Wunsch?“
Einen Wunsch? Ja, das Kettenkarussell in meinem Kopf, dass mich mit atemberaubender Geschwindigkeit in die Luft schwingt, seit wir hier draußen in der Sonne stehen, soll endlich stoppen. Sagen tue ich freilich nichts.
„Steig erst einmal in den Wagen.“ Sie öffnet mir die Beifahrertür. „Ich darf vorn mitfahren?“, platzt es aus mir heraus.
Sie lacht mich an. „Ja, natürlich. Ich bitte sogar darum. Ich bin nicht von der Polizei. Bis Store Haven sind es gut zwei Stunden Fahrt. Nebeneinander plaudert es sich leichter.“
„Hast du denn keine Angst … vor mir?“ Der Satz ist raus, bevor ich überhaupt weiß, was ich da gerade wieder für einen Stuss von mir gegeben habe.
Sie sieht mich mit zusammengezogenen Brauen an. Schüttelt dann den Kopf.„Nein, hab ich nicht. Ich kenne deine Akte ziemlich gut, auch das psychologische Gutachten. Das gehört zur Vorbereitung für das Rehabilitationsprogramm. Um ehrlich zu sein, hätte ich da sogar einige Fragen, aber das hat Zeit. Heute kümmern wir uns erst mal darum, dass du in deine Heimatstadt zurückkehrst und dein Haus beziehst.“
„Haus? Was für ein Haus?“
„Oh stimmt, das kannst du nicht wissen. Das Haus deiner Mutter. Sie hat da bis zu ihrem Tod, ich nehme mal an, mit deinem Stiefvater gewohnt. Er hatte Wohnrecht. Da dein Stiefvater vor kurzem ebenfalls verstorben ist und du der einzige lebende Angehörige bist, gehört das Haus jetzt dir. Freu dich, sonst müsste ich dich im Männerwohnheim unterbringen.“
Kurz denke ich an meine Mom. So wie sie gewesen war, bevor Paul in unser Leben getreten ist. Dass er nun auch tot ist, berührt mich nicht. Bei dem Wort Männerwohnheim werde ich jedoch hellhörig.
„Ist so ein Wohnheim wie der Knast?“
Sie dreht kurz den Kopf zu mir, dann lacht sie herzhaft.
„Nein, Peter. Es ist schlimmer, denn es gibt keine Wärter, die für Ordnung sorgen. Glaub mir, für dich wäre es dort die Hölle.“
Sie klopft mir aufmunternd auf den Arm.
„Du wirst die Stille im Haus dem Lärm im Wohnheim vorziehen. Vertrau mir.“

Wie kann sie wissen, was gut für mich ist? Sie weiß doch gar nicht, wie es in mir aussieht. Wie verdammt schräg ich bin. Oder steht das in diesem psychologischen Gutachten? Ich sehe weg. Meine Hände zittern. Schon wieder.

Grüne Hügel, blauer Himmel, gesprenkelt mit lockeren Wolken rauschen an uns vorbei. Der Blick in die Ferne tut gut. Fast stellt sich ein Gefühl von Ruhe ein. Mir wird bewusst, dass ich von meinem Zellenfenster aus allenfalls in den Himmel schauen konnte. Den Blick in die Weite gab‘s höchstens auf Bildern. Das hier ist schöner. Ungewohnt. Aber viel schöner.

Nach etwa zwei Stunden ändert sich die Landschaft. Das Grün wird immer stärker von vereinzelten Häusern und Straßen unterbrochen. Unerwartet biegt Katy auf einen Rastplatz ab. Parkt zielstrebig gegenüber einem Imbisswagen.
„Komm, lass uns einen Kaffee trinken.“
Sie gibt mir ein Zeichen, auszusteigen. Ich trotte hinter ihr her. Wieder komme ich mir wie ein Kleinkind vor, das hinter seiner Mama herläuft. Der erwachsene Mann in mir ist momentan nicht auffindbar. Ich hasse diesen Zustand, der sich zuverlässig bei ungewohnten Situationen einstellt. Und das hier ist verdammt ungewohnt für jemanden, der fünfundzwanzig Jahre hinter Gittern verbracht hat.
„Was möchtest du? Kaffee oder Tee?“
Eine Erinnerung an unbeschwerte Kindertage legt sich auf meine Zunge. „Haben Sie heiße Schokolade?“, frage ich die resolute Dame hinter der Theke. Die sieht mich kurz verblüfft an, lächelt dann freundlich. „Klar. Mit Sahne?“
Keine Ahnung, ob meine Augen vor Freude leuchten, aber sie blinzelt mir verschwörerisch zu.
„Ich mach dir einen extra großen Becher, mit reichlich Sahne.“
Mein Gesicht glüht, als ich ihn entgegennehme.
„Lass uns da auf die Bank setzen, Peter.“

Wir gehen zu einer Holzbank auf der anderen Seite des Parkplatzes. Sie hockt sich auf die Lehne. Ich tue es ihr gleich. Wir schweigen eine ganze Weile.
„Sieh mal, von hier kann man das Meer sehen“, sagt sie und deutet mit dem Kinn Richtung Horizont.Der Anblick der weiten, silbrig in der Sonne glitzernden Fläche da in der Ferne macht etwas mit mir. Für einen kostbaren Moment herrscht wieder ein wackeliger Frieden in meinem Kopf. Ich schlürfe meinen Kakao, traue mich sogar einen kleinen Seitenblick auf Katy zu werfen. Sie hält ihren Kaffeebecher mit beiden Händen. Hat die Augen geschlossen. Der Wind zupft an ihrem Haar. Ihre vollen Lippen nippen immer mal wieder an der Kaffeetasse. Es ist schwer, da nicht hinzusehen.
Das gehört sich nicht. Hör auf damit.
Um mich selbst von ihren Lippen abzulenken, sage ich etwas.
„Ich war immer gern am Meer. Damals.“ Meine Stimme klingt wie raues Schmirgelpapier.
„Jetzt kannst du wieder hin. Du bist frei.“
Sie sieht mich interessiert an.
„Hast du dir schon überlegt, was du arbeiten möchtest?“
Was für eine Frage? Bis heute Morgen wusste ich nur sicher, dass sich abends wieder die Zellentür hinter mir schließen würde.
„Gott, nein. Im Gerichtssaal hat der Richter von lebenslang gesprochen. Jedenfalls ist nur das in meinem Kopf hängen geblieben. Dass ich den Knast eines Tages verlassen könnte, nein, darüber habe ich nie nachgedacht.“
Wow, das war wohl die längste Rede, die ich seit langer Zeit gehalten habe.
„Puh … und mit dem Gedanken konntest du leben?“ Sie fährt sich mit der Hand durch die Haare. „Ich glaube, ich wäre daran kaputt gegangen“, erwidert sie. Sieht dabei weiter auf das Meer in der Ferne.„
Ja. Sehr gut sogar. Ich wollte es so“, rutscht es mir raus.
„Wie meinst du das, du wolltest es so?“
Mist! Wie komm ich jetzt da wieder raus?Ich räuspere mich.
„Sorry. Manchmal rede ich dummes Zeug.“
Konzentriert betrachte ich die Reste von Sahneschaum in meiner Tasse. Daraus kann man doch bestimmt auch die Zukunft lesen, oder?Das macht man mit Kaffeesatz, du Idiot.

Ihr Schweigen wird unangenehm, also wage ich einen weiteren Seitenblick. Sie betrachtet mich. Stumm. Mit einer gewissen Strenge im Blick. So wie meine Großmutter es oft getan hat, wenn sie genau wusste, dass ich Mist gebaut hatte. Wieder beginnt mein Gesicht zu glühen. Katy holt Luft.
„Eines solltest du nicht tun, Peter. Verkauf mich nicht für dumm. Dass du ein neurologisches Problem hast, steht in deiner Akte, aber spiel in meiner Gegenwart nicht damit. Verstanden?“
Stumm nicke ich. Mehr geht sowieso nicht mehr. Die Stille in meinem Kopf ist verschwunden. Stattdessen herrscht bunt blinkendes Chaos. Ich will das nicht. Nicht die Erinnerungen an damals. Nicht das Chaos und erst recht nicht, dass Katy schlecht von mir denkt. Konzentrier dich und erklär es ihr, feuere ich mich selbst an. Leider kenne ich nur ein sehr schräges Mittel, um mein Hirn-Karussell zu stoppen.

Ich beuge mich vor, stelle behutsam die Tasse ab, dann setze ich eine Handfläche auf die Sitzfläche der Bank, drehe meinen Oberkörper so, dass ich mich in einen Handstand drücken kann. Ganz langsam strecke ich mich. Atme dabei mit geschlossenen Augen ruhig ein paarmal ein und aus. Das blinkende Chaos verblasst. Mit einem betont gleichmäßigen Atemzug neige ich das Becken zur Seite, setze meine Beine zurück auf den Boden. Stehe aufrecht da. Ihren Blick, der irgendwo zwischen komplett irritiert und begeistert liegt, ignoriere ich, so gut ich kann.
„Es tut mir leid, Katy. Mein Kopf … stell dir vor, du steckst auf einem bunten Kirmesplatz fest. Überall sind Menschen, Farben, Gerüche und es ist so laut, dass du dein eigenes Wort nicht verstehen kannst. Das ist mein Dauerzustand. Tag und Nacht. Außerdem sind da die Erinnerungen, die ich nicht loswerde.“
Erschöpft setze ich mich auf die Bank, halte meinen Kopf.

Dass das nicht erklärt, warum ich eben behauptet habe, dass ich es so wollte, ist mir bewusst. Ich weiß ja selbst nicht, ob ich damals im Gerichtssaal unbewusst eine Entscheidung getroffen habe. Schlussendlich spielt das auch heute keine Rolle mehr. Sie sagt noch etwas zu mir, ich kann sie hören, allerdings kommt die Bedeutung ihrer Worte nicht bei mir an.

Auf dem Rest der Fahrt sagt Katy nichts mehr. Vielleicht ist sie sauer, oder sie versteht. Ist mir momentan egal. Ich sehe aus dem Fenster. Kämpfe mit meinen Gedanken.Meine innere Unruhe steigert sich, als wir schließlich durch die Straßen Store Havens fahren. Auf der Highstreet herrscht rege Betriebsamkeit. Menschen. Autos. Hundegebell. Hupkonzerte. Es sieht alles irgendwie vertraut und dann wieder komplett fremd aus. An einem Punkt schließe ich die Augen, halte mir die Ohren zu. Es ist zu viel. Viel zu viel.
Reiß dich zusammen. Du bist kein Schuljunge mehr.
Richtig! Trotzdem hilft mir dieses Wissen keinen Schritt weiter. Im Gegenteil.
„Peter?“ Sie berührt leicht meinen Arm, was mich dazu bringt, zusammenzuzucken und die Augen wieder zu öffnen.
„Wir sind da. Soll ich mit reinkommen?“
„Ja, bitte“, flüstere ich.